Survival of the Fittest

Lukman Ascic

Eine typische Situation vor einer Prüfung: Pure Verzweiflung

Nicht mehr lange bis zum Showdown, aber ich bin ready. Mehr als ready für die Bioprüfung. Ein letztes Mal schaue ich mich im Raum um und.. wooah, was geht hier ab!?

Good lord, grosses Kino. Heieiei, das gab’s ja seit Jahren nicht mehr in unserer Klasse. Ich meine, bis zur Maturaprüfung dauert’snoch ‘ne Weile. ABER DAS: Überall verstreute Papiere und Bücher, ein komplettes Chaos auf allen Tischen. Jeder blättert verzweifelt nach, sucht und sucht. Saustall. 

Zu Hause wohl alle fleißig gelernt, heh?

Geschwatzt wird auf höchster Lautstärke. Manche schütteln sich sogar wild vor Panik, als würden sie gleich zu Grunde gehen. Vielleicht freuen die sich auch nur. Ist doch ja nur so ein 

Test-Dings, das so ein Promotions-Dings hat und meine Woche, mein Leben und mein Zeugnis von vorn bis hinten versauen kann. Es verfügt sogar über die Macht, mich nochmals ein Jahr zurückzuversetzen. Zu all dem kann ein Stück Papier in der Lage sein – huh.

Noch 90 Sekunden. Auch ich beginne, selber zu wackeln. «Kein Grund zu Zittern. Du hast alles gelernt. Kumpel, du schaffst das», werde ich motiviert von meinem inneren Ich. Ja das stimmt, aber what the freakin’ heck ist ‘Endoplasmatisches Retikulum’? Muss ich auf der Stelle googeln. NIE bin ich diesem Wort beim Lernen begegnet, bis einer in der hintersten Reihe davon labert. Stand das wirklich in den Lernzielen?

70 Sekunden. Ruhe bewahren, alles cool. Ich weiss, dass ich jetzt alles durchgeschaut habe und alles reinhauen werde. Und im Klassenzimmer herrscht immer noch Kriegszustand by the way. Was ist heute nur los mit allen?

So, verbleiben noch eine Minute. Die letzten Infos, ‘One-day-before-the-exam’-Memes und Spickzettel werden ausgetauscht. Jepp, für den Spick habe ich mehr Zeit aufgewendet als fürs Lernen selber. Ich bin doch nicht verrückt, mir dutzende Begriffe zu merken!? Kann ich später im Leben eh nicht gebrauchen, na also.

Gute 40 Sekunden. Nice, bald kann ich so ziemlich alles. Lass mich noch kurz das eine Ding da im Buch nachschauen. Irgendwo doch bei Seite 569. Nope, die ist es nicht. 879? Nada. 1’067? Auch hier nichts. Shit, zehn Sekunden!

Bingo, Seite 28. DNA, check. RNA, check. tRNA, gehört. mRNA, kein Plan. Das sollte ungefähr sitzen. Auf jeden Fall reicht es für ‘nen Fünfer.

Ganze fünf Sekunden. Woah, mein Herz gibt ordentlich Gas. Ich schiebe rasch links und rechts die Trennwände leicht weg, damit ich… nun ja, was vergleichen kann. Just in case.

Vier. «Vell Glück bro.». Drei. «Thanks der au.» Zwei. «Mercii.» Eins. «Geschätzte Damen und Herren, Sie haben 45 Minuten Zeit. Ich wünsche Ihnenviel Erfolg.»

Jajaja danke, jetzt gib mir Prüfung. 

Geil, gleich mit dieser Frage werde ich in Empfang genommen: ‘Welche Reaktionen laufen am endoplasmatischen Retikulumab? ’. «Retikulum… ah Retikulum…», wiederhole ich mir ständig im Kopf. Ich hoffe, mich daran zu erinnern. Und dafür gibt’s zehn volle Punkte, oh je! Das habe ich gerade noch nachge… Was soll’s. Vielleicht fällt’s mir später noch ein. Weiter geht’s.

Oh my god, Frage 2 basiert auf Frage 1.

Das war’s dann wohl mit der Fünf. Ich hole einen tiefen Atemzug, schließe meine Augen, und lasse mein Frust durch ein hörbar verbittertes Ausatmen raus. Der Lehrer bleibt stehen und dreht sich um, «Alles in Ordnung? », und geht dann weiter. «Alles guet», antworte ich nickend. Mir geht’s super.

Während er die Prüfungsblätter in den hinteren Reihen verteilt, versuche ich mich mit dem Banknachbarn zu vergleichen.

Dude, EYYY

Waas?

Fraag 1. WTF söll ds?

Kä Plan

Und das andere da?

Kä Ahnig man

Schieb dis Blatt wiiter abe, muess der abschribe

Ja wart

Ja mach schnell er chund

Mit dem Abschreiben ist es wohl auch over. Dieser Typ sitzt auf dem Lehrerpult (muss das wirklich sein!?) und glotzt die ganze Klasse an. Ich habe keine Chance mehr, geschweige dass ich noch in der vordersten Reihe sitze. «Mach doch was am PC oder lies etwas!», denke ich mir so.

Ich male mir alle möglichen Szenarien aus. Wie ich den Test durchfallen werde, wie ich jedes Mal zu Hause Stunden am Tisch verbringen werde. Aber alles wird nichts bringen, weil ich schlicht zu dumm bin und wie immer alle besser sind als ich. Und das Schlimmste daran ist, dass ich eigentlich nicht ready bin. Ich verstehe hier kein Wort, nichts, null, nada. Hallo? Ich stehe kurz davor, ein leeres Blatt abzugeben und wieder mal schlechtes Gewissen mitschleppen zu müssen!

Okay, genug Blödsinn gelabert. Etwas Konzentration und Selbstvertrauen muss sein, Lieber. Auf dieser Stufe wird schliesslich Disziplin, Durchhaltevermögen und Eigenständigkeit verlangt, schon vergessen? Du bist diesen weiten Weg hierhergekommen. Du wirst es schaffen. Also leg dich ans Zeug und konzentrier dich!

«Vergiss die anderen». Okay, ich vergiss’ die anderen. 

«Vergiss die Prüfung». Okay, die Note bleibt aber im Hinterkopf. 

«Und nun, schreib, was du kannst. Ich zähl auf dich.»

Danke, Inneres Ich. Ich werde das schreiben, was ich kann. Zwar vom Spickzettel, den ich noch habe. Jetzt nur nicht blicken lassen! Ugh, ich spüre wie Schweisstropfen entlang meiner Oberarme fliessen.

«So so, alles guet gange?», will er am Schluss von mir wissen. Typische Nach-der-Prüfung-Frage. Ich nicke einige Male, starre aber nur auf mein Blatt. Mit verkrampfter Hand bringe ich die letzten noch lesbaren Buchstaben aufs Blatt. Uuund Abpfiff! Finito, Aus, Ende. Puhh, gefühlte zehn Tonnen Stress abgenommen. Wie die Festplattenreiniger auf Computern, leere ich nun den ganzen Stoff Stück für Stück aus meinem Kopf. Wer hätte es gedacht: Als Letzter verlasse ich den Raum.

«Die durchsetzungsfähigsten Arten (…) werden überleben», heisst es in einem Biologiebuch. Und was ist nochmal mit denen, die es nicht schaffen? Diesen Teil lassen wir weg. Denn am Ende zählt nur die Note auf dem Papier.

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