Noten werden überbewertet

Debora Reist

Worunter leiden Jugendliche? Wie wichtig die Schule ist und was für einen Druck sie auf Jugendliche ausübt.

Leistung gleich Arbeit pro Zeit. Physikalisches Grundwissen. Ich brauche für meine 100 Meter 16 Sekunden, mein kleiner Bruder zwei Sekunden weniger. Also leistet er im Sport mehr als ich, kriegt wohl locker seine gewohnte 6 in der Leichtathletik. Doch obwohl ich offensichtlich weniger leiste als er, schaffe ich im Sport meistens auch eine gute bis sehr gute Note. Denn im Sport werden die verschiedenen (körperlichen) Voraussetzungen beim Leistungsvergleich berücksichtigt. 

Nicht so in den übrigen Schulfächern. Ein Mathe-Genie lernt nichts für eine Prüfung und schreibt locker eine 5.5. Ich hingegen erreiche diese Note nur mit sehr viel Fleiss. Die Noten sind in der Schule das Mass aller Dinge. Man kann die «individuelle Leistung» der Schülerinnen und Schüler mit Noten schön vergleichen. Schlechte Noten können der Grund sein, dass man eine Klasse wiederholen muss oder ganz von der Schule fliegt. Kein Wunder, dass die Anspannung bei einer Prüfungsrückgabe im Schulzimmer sehr gross ist. 

Man kann uns noch lange eintrichtern, dass man nicht für die Schule, sondern für das Leben lerne. Dies stimmt eben nur bis zu einem gewissen Grad. Nämlich genau bis zur Note 4 hinunter. 

„Was hesch?“ ist die typische Frage, nachdem der Lehrer den Test zurückgegeben hat. Es ist irgendwie ein Trost, wenn man weiss, dass man die Prüfung nicht als Einzige vollkommen verhauen hat. Andererseits ist man umso stolzer auf eine gute Note, wenn es den anderen vielleicht nicht so gut gelaufen ist. Es ist ziemlich dumm, aber verglichen wird halt doch, auch unter uns.

Meine zweite Note an der Kanti war bereits ungenügend. Ich weiss heute noch, wie bitter enttäuscht ich damals war. Nach dieser Note hatte ich bereits Panik, dass ich das Gymi nicht schaffen werde. Nur die Tatsache, dass die ganze Klasse nicht so gut war, hat mich etwas beruhigt.

Inzwischen betrachte ich das Ganze etwas lockerer als früher. Solange ich nicht ins Provisorium falle, wenn möglich noch ein kleines «Pölsterchen» von ein paar Zehnteln habe, mache ich mir keinen grossen Druck mehr. Wen interessiert es schon, welche Schulnote ich in den ersten Jahren an der KSZ erzielte. Was zählt, ist die Abschlussnote, also das Maturazeugnis. Bloss, die Matura habe ich natürlich noch nicht im Sack. Ob ich vielleicht doch wieder ein bisschen mehr ranmüsste? Ein bisschen mehr lernen für ein wirklich gutes Zeugnis? 

Mindestens ein «Fünfeinhalber-Schnitt» ist das Ziel einiger Schülerinnen an der KSZ. Andere sind mit einer Note von 4.5 vollkommen zufrieden. Und dann gibt es auch noch diejenigen, die froh sind, wenn sie bloss irgendwie eine Klasse weiterkommen. Ehrgeiz und Leistungsbereitschaft sind halt nicht bei allen Menschen gleich gross. Und je nach «Pubertätsstadium» gibt’s ebenfalls Unterschiede. Zudem geht es immer um Erwartungen. Erwartungen, die man an sich selbst stellt oder solche, die von den Eltern auf uns zukommen. Es ist daher schwierig, im Namen aller 17-Jährigen zu sprechen. Die Situation ist bei jedem anders. Viele in unserem Alter sind ja nicht einmal mehr in der Schule. Sie machen eine Lehre und sind schon voll im Berufsalltag. Da erwarten einen auch andere Herausforderungen als Noten. Die Sek wird nach drei Jahren abgeschlossen. Man setzt sich demnach viel früher und intensiver mit der Berufswahl auseinander. Erst soll der richtige Beruf und dann noch eine passende Lehrstelle gefunden werden. Der Druck muss enorm sein.Diesen Eindruck hatte ich zumindest von Kolleginnen, die in dieser Situation waren.
Das ist nicht wirklich vergleichbar mit dem, was von uns Kantonsschülern verlangt wird. Hausaufgaben werden selten kontrolliert und es juckt eigentlich auch keinen Lehrer, wenn wir unser Material nicht dabeihaben. Das ist dann einfach unser Problem. Als Konsequenz müssen wir dann einfach mehr lernen um in Prüfungen eine bessere Note zu erreichen. 

Aus meiner persönlichen (momentanen) Sicht würde ich allen Gymnasiasten raten: Nehmt die Noten nicht zu ernst. Jeder Lehrer, jede Lehrerin bewertet anders. Die einen sehr streng, bei den anderen sind die Prüfungen eher locker. So kann es gut sein, dass das schlechteste Fach bei einem neuen Lehrer plötzlich zur besten Note im Zeugnis wird. Aber Achtung: Umgekehrt kann das natürlich auch der Fall sein. Noten sind ziemlich subjektiv. Das eigentliche Ziel der Kanti ist es, Lernen zu lernen. Möglichst effizient. Auf sich, das Individuum angepasst. Und daneben noch Zeit für andere Dinge zu haben. Für Freunde, Sport, Musik. Denn diese Dinge sind mindestens genauso wichtig wie die Schule.

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