Bin ich privilegiert? – Jein

Claudia Oberhänsli

Claudia Oberhänsli

Privilegien sind wie Handys. Man nimmt sie erst wahr, wenn man sie fehlen.

Morgens um sechs Uhr, mein Wecker klingelt. Ich habe überhaupt « kei Bock» und will nur schlafen. Das Peanut-Butter-Brot zum Frühstück kann auch nichts an meiner Laune ändern. Sie wird auch nicht besser, als ich mit dem Fahrrad im Regen zur Schule fahre. Haare, Kleidung alles ist nass. Die erste Lektion ist Biologie das heisst Film schauen. Und ich kann im Halbschlaf zuhören. Alles nur first world problems. Doch sollte ich diesen Sachen nicht mehr Wertschätzung schenken? Sollte ich nicht glücklicher sein, jeden Tag zur Schule zu gehen? Oder einen vollen Kühschrank zu haben? Ich denke schon. Doch so einfach ist das nicht. Der Schweizer Wohlstand ist für mich wie vieler meiner Generation zur Normalität geworden. Würde mich jemand fragen, ob ich mich privilegiert fühle. Ich würde mit Jein antworten. Zum einen gibt es viele Privilegien in der Schweiz zum Beispiel die Bildung, Infrastruktur oder auch die Sicherheit. All diese Privilegien sind auch Teil von meinem Leben und ich kann von ihnen profitieren. Doch zum anderen gehe ich nicht durch den Alltag und fühle mich besonders privilegiert.Ich bin zwiegespalten. Ich bin glücklich und froh, so viele Chancen und Möglichkeiten in meinem Leben zu bekommen. Ich könnte auch in einem „schlechteren“  Land leben.  Ich schätze es, seit über zehn Jahren zur Schule gehen zu können. Vielleicht nicht tagtäglich und vor allem nicht morgens. Doch ich kann auch nach der obligatorischen Schulzeit „Vollzeit“ zur Schule gehen und muss nicht möglichst schnell eigenes Geld verdienen. Theoretisch hat natürlich jeder Schweizer Schüler die Chance an die Kanti zu gehen. Doch nur theoretisch. Denn praktisch haben die Einen grösseren finanziellen Druck als andere. Im Kanton Zug hat man das Glück, keine Aufnahmeprüfung für die Kanti zu machen. Man muss «nur» einen Schnitt um eine 5,2 haben. Trotzdem sind Kinder aus reicheren Elternhäusern privilegierter. Beispielsweise können die Eltern das Kind in die Nachhilfe schicken. Oder Vorkurse bezahlen für eine Aufnahmeprüfung. Doch nur schon wenn die Eltern/Verwandschaft selbst eine gute Ausbildung  oder Deutsch sprechen, hat man Vorteile. Ich kenne selbst ein Mädchen, das an die Kanti gehen wollte. Ihre Noten waren bis auf das Fach Deutsch sehr gut. Dadurch dass ihre Eltern von Indien stammten, sprach sie zu Hause kaum Deutsch. Mir hingegen konnten meine Eltern immer helfen bei Fragen zu Grammatik, Wörtern oder Hausaufgaben. Ich denke, durch Geld hat man im Bereich Bildung mehr Möglichkeiten und Chancen. 

Skifahren ist normal für mich, doch es sollte mehr Wertschätzung bekommen.  Es ist ein cooler Sport, doch es hat auch seinen Preis. Alles zusammen mit Skiausrüstung, Tickets und Anreise ist Skifahren im Vergleich mit anderen Sportarten ein sehr kostspieliger Sport. Trotzdem ist es für mich wie auch für viele in meinem Alter eine Selbstverständlichkeit, mehrmals im Jahr Skifahren zu gehen. 

Genügend Essen zu haben, hinterfrage ich auch kaum. Unser Kühlschrank zu Hause ist meistens voll. Wenn nicht kann ich schnell zum nächsten Laden gehen. Dort hat man eine extrem grosse Auswahl an allem, auch an nicht-saisonalen und regionalen Früchten und Gemüsen. Auch für Fleisch und Fisch, bekannt als Zeichen für Wohlstand, gibt es eine eigene Abteilung. Ich esse meistens dreimal täglich eine Mahlzeit mit viel Gemüse und Früchten. In anderen Ländern können Kinder froh sein, wenigstens einmal täglich eine Mahlzeit zu bekommen. Es hört sich vielleicht verwöhnt oder eingebildet an, diese Privilegien teilweise als Normalität einzustufen. Doch ich bin hier aufgewachsen und bin mir seit Kindesbein diesen Schweizer Wohlstand gewohnt. Natürlich ist mir bewusst, dass es nicht allen Menschen so gut geht. Und die einen sind auch noch privilegierter. Es gibt auch Situationen, in denen ich mir einfach nur dumm und bescheuert vorkomme. Nämlich, wenn ich mich über first world problems beklage. Zum Beispiel über die schlechte Internetverbindung in meinem Zimmer oder mittags über die Warterei bei der Mikrowelle. Verglichen mit anderen Lebenssituationen sind solche Probleme einfach nur lächerlich. Ich denke, das Reisen kann auch einen Teil dazu beitragen, ein Bewusstsein für unseren hohen Lebensstandard zu bekommen. Durch das Reisen kann man neue Kulturen, Menschen, Sprachen oder auch Unterschiede zum eigenen Land entdecken. Die Sauberkeit in öffentlichen Bereichen ist jedes Mal wieder etwas, für das ich dankbar bin. Es ist auch praktisch nicht immer Wasserflaschen zu kaufen, sondern einfach zum nächsten Wasserhahn zu gehen. Privilegien haben sowieso viel mit Vergleichen zu tun. Ansonsten würde man gar nicht wissen, dass andere Menschen/Ländern privilegierter oder weniger privilegiert sind. Beim diesen Vergleichen wird einem auch bewusst, dass es Sachen gibt, welche man in der Schweiz nicht hat. In der Schweiz gibt es kein Meer und keinen angrenzenden Ozean. Aus wirtschaftlicher Sicht hat die Schweiz auch keine natürlichen Ressourcen, wie Öl oder Gold. Die genannten Privilegien haben viel mit Geld zu tun, direkt wie auch indirekt. Es gibt auch nicht-finanzielle Privilegien d.h. die Zufriedenheit, die Wohlfahrt oder die Gesundheit. Sie können mit Geld zusammenhängen, müssen aber nicht. Jeder hat bestimmte Privilegien. Doch durch die gute wirtschaftliche Lage hat meine Generation sehr viele.

Ich sollte mich privilegiert fühlen, tue es aber nicht immer. Ich denke, das ist auch ganz okay so. Denn die Schweiz, meine Generation oder ich selbst haben sehr viele Privilegien und Möglichkeiten in verschiedenen Bereichen. Das sollten wir auch im Hinterkopf behalten. Doch es ist nicht schlimm oder verwerflich, sich auch mal über first world problems zu beklagen.  

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