Der Weg in die Freiheit

Eine Story über das Weggehen.

Ich wohne in Berlin, besser gesagt im Ostteil der Stadt, der mit Mauern abgegrenzt wird. Ich heisse Margarethe Steigerwald und bin 25 Jahre alt. Wir schreiben das Jahr 1987.

Ich sitze auf meinem Bett und schreibe in ein kleines Notizbüchlein mit braunem, ledernem Einband. Mein Vater gab es mir, bevor er im Krieg fiel. Meine Mutter starb, als ich sechs Jahre alt war, und meinen älteren Bruder kenne ich nicht, er lebt ausserhalb von Berlin. Jedenfalls schreibe ich in dieses Buch, um ein neues Leben zu beginnen. Es gibt einen kleinen Bahnhof mit einer Lokomotive, die nach Süden fährt. Sie wird nur einmal fahren, weil es gefährlich ist, und ich möchte mit. Bisher habe ich in einem kleinen Hinterraum der Kneipe, in der ich arbeite, gewohnt. Doch der Besitzer ist gestorben und ich werde heute Mittag rausgeschmissen. Deshalb packe ich gerade halbherzig. Ich bin nicht verärgert oder traurig. Ich freue mich. Denn der alte Kneipenbesitzer, der alte Hans, hatte mir von der Lokomotive erzählt, die in die Freiheit fährt. Er war mein Freund. Wir erzählten uns immer alles, aber er konnte mir nicht genau erklären, wo und wie sie ist, diese Freiheit. Ein bisschen habe ich Angst davor und es schüttelt mich, wenn ich an dieses Wort denke. Ich weiss ja nicht, was es ist. Die kleine Glühbirne an der Decke wirft spärliches Licht auf mein Bett, denn es ist dunkel draussen. In einer Stunde fährt die Lok. Ich greife nach meinem Schirm und dem Koffer. Das Notizbuch schmeisse ich in meine Tasche. Ich öffne die Hintertür und öffne den Schirm. Schwüle Luft umgibt meinen Körper. Aber das hält mich nicht auf. Ich verlasse das Zimmer und schliesse ab. Ich drehe mich um, schaue auf die leicht beleuchtete Strasse und atme tief durch. Entschlossen laufe ich los. Ich kann nichts dafür, aber ich werde schneller. Und immer schneller, bis ich renne. Ich weiss zwar nicht, was kommt, aber ich freue mich darauf. Ich renne den ganzen Weg bis zum Bahnhof. Die Lokomotive steht schon dort. Und es steht nur eine kleine Schlange davor, denn kaum jemand weiss von der Lok. Ich gebe dem Mann, der das Gepäck einlädt, meine Tasche und den Koffer, steige in die Lokomotive ein, setze mich an einen Fensterplatz und schaue nach draussen. Hinter der Kirchturmuhr geht langsam die Sonne auf. Plötzlich macht die Lok einen Ruck und fährt los. In die Freiheit. Wo auch immer das ist. In Richtung Sonnenaufgang. In die Freiheit.

A.P.

Leave a Reply

Powered by WordPress.com.

Up ↑

%d bloggers like this: