Wir sind, was wir tragen

Autor: Júlia Andermatt, Charlotte Stein, Jil Merckling

Fotos: Anneluise Keiser

Wir leben in einer Zeit, in der alle Individuen sein wollen. Inzwischen ist Mainstream zu hassen selbst Mainstream.

Wir sind, was wir tragen

«Weil ich mich dann nicht gut fühlen würde!» Das ist Annas Antwort auf unsere Frage, warum sie sich nicht «normal» anziehe. «Ich wäre nicht ich selbst», versucht sie uns zu erklären. «Es wäre einfach falsch. Ich muss irgendwie rausstechen.» 

Anna, 17, die ihren «Style» als alternativ beschreibt, sagt, dieser sei stark von ihrem Musikstil beeinflusst. Wir treffen Anna im Foyer der Kantonsschule Zug.  Sie sagt, die Musik sei ihre Hauptinspiration. Die junge Hünenbergerin hockt lässig mit gefärbten Haaren, einigen Piercings im Gesicht und einem Leopardenmuster-Rock da. «Manchmal ist mein Style Punk, manchmal Neo-Goth, jedoch meistens eine Kombination aus verschiedenen Stilrichtungen.»


Wie sie sich am jeweiligen Tag fühlt, hat einen Einfluss auf die Kleiderwahl. «Wenn es mich morgens ankotzt», wie Anna es unschön sagt, «ziehe ich auch nur Leggings und einen Pullover an.» Aber wenn sie sich so anziehe, fühle sie sich erst recht unwohl, was bei manchen Leuten genau umgekehrt der Fall wäre.

Wieso fühlen sich Menschen wie Anna wohler, wenn sie aus der «Crowd» rausstechen, auffallen können, und wieso andere nicht? Anna ist sich bewusst, dass sie nicht dem Normalfall entspricht. Sobald sie unter viele Leute geht, muss sie einfach etwas Spezielles oder Extravagantes anziehen. Bloss in einem weissen T-Shirt und schwarzen Hosen nach Zürich zu reisen –  geht gar nicht!

Anna gesteht, dass es ihr nicht egal ist, was andere über sie denken – etwas, was viele Leute annehmen, wenn sie speziell gekleidete Menschen sehen. Ihr ist bewusst, dass ihr Kleiderstil bei den meisten Mitmenschen eine gewisse Reaktion erzeugt. «Diese nehme ich einfach nicht mehr wahr.» Ängste über mögliche Vorurteile der zukünftigen Arbeitsgeber und Absagen bei Bewerbungen wegen ihrer Kleiderwahl und ihrem Auftritt sind auch ihr nicht fremd.

Eingekauft wird bei ihr meistens in Second-Hand Läden wie die «Brocki». Natürlich geht auch sie in lokale Geschäfte in Zug, um zu sehen, ob sie dort etwas findet, das sie anziehen würde. «Jedoch», gesteht sie, «finde ich selten was zum Anziehen in Zug.»

Bei Dollskill finde ich so ziemlich alles, was mir gefällt», sagt sie zum Online-Anbieter, bei welchem sie die meisten Kleider bestellt. Geld spielt eine wichtige Rolle, auch wenn dies die meisten Jugendlichen nicht zugeben wollen. «Wenn ich mehr Geld hätte, müsste ich mir auch keine Gedanken machen über Jobs und Arbeitsgeber, weil ich diese Sicherheit hätte», erklärt sie uns. «Wenn das so wäre, würde ich wie noch mehr aus mir rausgehen.» Und sie hätte dann Zugang zu Marken, die für sie heute zu teuer sind. Somit muss sie sich mit dem, was sie jetzt hat, zufriedengeben.  

Wir konfrontieren Anna mit der Frage, ob Menschen, welche unsere Gesellschaft als «speziell» und «auffallend» bezeichnet, wirklich nur auffallen möchten. «Irgendwie will doch jeder auf eine Art auffallen», kontert Anna.

Was Annas Charakter und Style ausmacht, ist bei Lara, 14, aus Unterägeri genau das  Gegenteil. Die Schülerin, welche die 2. Klasse der Kantonsschule Menzingen besucht, meint, ihr sei es immer lieber, mit der Menge mitzugehen und nicht aufzufallen. «Wer will schon, dass alle Blicke auf einen gerichtet sind? Es ist schlicht ein Albtraum, wenn man ein Zimmer betritt und alle einen anschauen! Das will doch niemand.»

Tatsächlich leben wir in einer Zeit, in der wir alle Individuen sein wollen. Niemand will Mainstream sein – inzwischen ist Mainstream zu hassen selbst Mainstream.

Wenn wir uns selbst im Spiegel anschauen, denken wir, dass wir speziell und überhaupt nicht wie die grosse Menge sind. Wie kommt es, dass die meisten Menschen trotzdem mit dieser Menge mitgehen? Nur die wenigsten gehen tatsächlich gegen den Strom. Trotzdem gesteht sich das fast niemand selber ein. Lara hingehen gesteht ganz offen: «Mir ist das alles ziemlich egal. Ich kaufe nicht oft Kleider ein und trage viele Sachen von meiner Schwester.» Ihre Jeans sind von Zara, der Pullover von Brandy Melville. «Richtige Mainstream-Läden», nennt Lara diese. Dass viele andere Mädchen die gleichen Klamotten wie sie tragen, stört sie nicht. Schlussendlich gefallen ihr die Kleider, welche sie kauft. Wenn diese anderen ebenfalls gefallen, dann ist dies auch ganz in Ordnung.

Wir sind, was wir tragen

Auf irgendeine Weise will jeder aus der Menge rausstechen.

Sogenannte Instagram-Models heissen nicht grundlos Influencer. Oft, wenn sie auf Instagram «herumscrollt», sieht Lara Bilder von Kleidern, welche ihr gefallen oder welche an einem Mädchen ihres Alters gut aussehen. Diese nimmt sie dann auch als «Inspiration». Doch wie sie schon gesagt hat, macht sie sich keine grossen Gedanken über ihre Outfits. Wieviel Geld Lara für Kleider ausgibt, ist unterschiedlich. Normalerweise geht sie nur «shoppen», wenn sie wirklich etwas braucht, oder wenn ihre Schwester mit ihr nach Zürich fährt. «Der Grossteil der Kleider in meinem Schrank hat mal meiner Schwester gehört.»

Lara sagt, sie wisse, dass sich die meisten mehr damit beschäftigen, wie sie von den anderen gesehen werden oder gesehen werden wollen. Schlussendlich ist unsere Kleidung Teil des ersten Eindrucks, welchen man bei einer Person hinterlässt. «Ich will einfach nicht einen falschen Eindruck erwecken», antwortet sie uns auf die Frage, wieso sie sich nicht anders anziehe.

Die Gespräche mit den beiden Schülerinnen zeigen: Die Kleider, die wir tragen, können als eine Art Spiegelbild unseres Charakters gesehen werden. Anna hat uns erklärt, dass jeder auf irgendeine Weise aus der Menge rausstechen will. Doch genau in dieser Menge will Lara unauffällig mit den anderen «Mainstream Menschen» mitgehen. Zu welcher Gruppe gehören wir denn nun? Sind wir wie Anna? Trauen wir uns, gegen die Strömung zu schwimmen? Oder sind wir insgeheim wie Lara und fürchten uns vor dem «Spotlight»? Vielleicht sind wir ja etwas dazwischen?

Leave a Reply

Powered by WordPress.com.

Up ↑

%d bloggers like this: