Reportage Anna Chiavi

Autor: Alissa Gunasekaram

Fotos: Livia Dainese

Anna passt perfekt zum Reportage-Thema «Kleider machen Leute». Bei ihr hat man das Gefühl, dass sie sich nicht nur mit ihren Kleidungsstücken von der Masse abgrenzt, sondern auch mit der Art und Weise, wie sie diese Kleidungsstücke kombiniert. Anfangs könnte man denken, dass Anna ihren Style als Grunge bezeichnet, aber bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, dass sie eigentlich gar nicht so «pro-Grunge» ist. Früher ja, heute aber nicht mehr sehr.

«Früher war eine andere Zeit», sagt sie. «Das war so in der 1./2. Kanti. Da weisst du noch nicht, was dir gefällt. Du gehst mit dem Flow mit. Es geht mehr um die Ästhetik, als darum, was dir gefällt, was für dich schön ist. Für alle, die nicht genau wissen, was Ästhetik ist:  Ästhetik ist die Lehre der Schönheit, der Gesetzmässigkeiten und Harmonie in Natur und Kunst. Manchmal bist du dann einfach eine Mitläuferin. In meiner Klasse war ein Mädchen, welches sich grunge-mässig kleidete. Ich habe mich auch so gekleidet, aber es war nicht wirklich das, was ich persönlich gut finde. Ich habe sozusagen versucht, jemand zu sein, der ich gar nicht war. Jetzt habe ich herausgefunden, wer «ich» bin und was mir gefällt.»

Anna erklärt, wie sich die Veränderung der Musik, die sie hörte, auch auf die Veränderung ihres Kleidungsstils auswirkte. «Damals habe ich viele Lieder aus dem Grunge-Genre gehört, sie haben mich inspiriert. Später erst entdeckte ich neue Musikrichtungen. Diese inspirieren mich, mich so anzuziehen, wie ich mich jeden Tag eben anziehe.»

Wenn Anna ihren Style nicht als Grunge bezeichnet, stellt sich die Frage, wie dann?  «Ich weiss selbst nicht so genau, wie ich meinen Style benennen soll. Ich mische einfach alle Kleidungsstile, die mir gefallen und damit kann ich mich dann am besten identifizieren. Am ehesten wohl Alternative-Style; das ist per Definition ein Mode-Mix aus verschiedenen Richtungen, wie «Goth», «Hip-Hop», «Heavy Metal» und noch viele weiteren Stilen. Ausserdem ist es eine Mode, die sich von der kommerziellen Mainstream-Mode abhebt.»

Warum vermeidet Anna eigentlich Mainstream-Kleider? «Für mich ist es eben vor allem so, dass ich mich in dieser Basic-Kleidung nicht wohlfühle. Ich würde ausrasten, müsste ich mit blauen Jeans und einem weissen T-Shirt rumlaufen. Ich sehe mich so gar nicht in diesen Kleidern. Es ist jedoch nicht so, dass ich gegen diese Kleidung bin. Ich habe nichts dagegen, wenn andere sie tragen und sich darin wohlfühlen. Das sieht eh am besten aus, wenn du dich wohlfühlst in deinem Outfit und dieses Gefühl ausstrahlst. Manchmal mische ich auch den Alternative-Style mit Basic-Kleidern, ich nehme aus jeder Form von Mode meine Inspiration und mache mein eigenes Ding daraus.»

Apropos Inspiration möchte man jetzt wissen, was Anna sonst noch inspiriert. «Für meine Inspiration ist Musik unglaublich wichtig. Nicht im Sinne, dass ich morgens ein Lied höre und mir denke, jää, heute zieh ich glaub schwarze Mom-Jeans an, sondern die Musik, die mir gefällt, löst in mir ein Gefühl aus. Je nachdem ist es dann so, dass ich mich eher elegant kleiden möchte oder auch mal denke, heute zieh ich mich so ‘no-f**ks-given’ an, egal was ist. Zusätzlich folge ich vielen Bands auf Instagram und sehe, was die so anhaben, das inspiriert und beeinflusst natürlich auch. Ich behaupte, dass alle Leute von ihrem Musikgeschmack beeinflusst werden, egal, welcher das ist. Man sieht es ihnen auch an, nicht? Man erkennt einen Metal-Head oder einen Reggae-Liebhaber sehr schnell an seiner Kleidung und seinem Auftreten.»

Was beeinflusst Anna noch bei ihrer Kleiderwahl? Wenn sie müde ist und sich down fühlt, zieht sie Strümpfe oder Leggings mit einem grossen T-Shirt an: «So gemütlich, dass ich mich wohl fühle, wie heute zum Beispiel. Ich trage meine Dockers und Strümpfe und mein neues Band T-Shirt von «Bring Me The Horizon», das ich letztens am Konzert von dieser Band gekauft habe und jetzt bin ich halt so nostalgisch, darum habe ich es angezogen. Sonst, wenn ich so denke: Okay, heute ist ein schöner Tag, ziehe ich auch etwas anderes an, das eher unbequem ist, im Gegensatz zu Leggings. Oder wenn ich in den Ausgang gehe, bin ich so «happy» und mach mich «ready».

Wie reagieren andere Menschen auf Annas Kleidungsstil? Manchmal machen die Jungs aus ihrer Klasse Kommentare: «Anna, es isch im Fall nümme Halloween!» Die ältere Generation, ihre Grosseltern zum Beispiel, sind meistens geschockt, sie verstehen Annas Stil nicht. «Noch viel schlimmer finden sie die Piercings und die gehören halt auch zu meinem Stil.» Anna liebt body modifications. Piercings oder Tattoos sind für sie auch wie Kleider: «Wenn du schwimmen gehst oder nackt bist, dann hast du trotzdem noch etwas an dir, was dich verziert.» Tattoos haben eine Geschichte dahinter. Einen Stern wie den an ihrem Unterarm hat sich ihre Mutter, als Anna zwölf Jahre alt war, stechen lassen. «Sie hat dann, aus Spass eigentlich, gesagt, sie schenke mir auch so ein Tattoo auf meinen 16. Geburtstag. Ich freute mich jedes Jahr, dass mein 16. Geburtstag wieder ein Jahr gerückt war.»

Annas body modifications rufen heftige Reaktionen hervor, stärkere noch als ihre Kleidung. «Viele denken, ich wäre ein «druggy» oder so. Ich bin schon so oft am Zoll herausgenommen worden und sie haben alle meine Sachen durchsucht – nur, weil ich Piercings trage, weil meine Haare gebleicht sind oder früher mal pink und violett waren.»

Also stimmt der Satz «Kleider machen Leute»? Ja, meint sie, «denn wie gesagt: Wie man sich fühlt, so kleidet man sich normalerweise auch. Die Aussage macht für mich Sinn, man zieht ja das an, wovon man denkt, das sieht gut aus oder das steht mir.»

Und Annas Credo? «Niemand soll dafür verurteilt werden, wie er sich anzieht. Ich will einfach, dass jeder das weiss. Oft denken die Leute: «Oh mein Gott, das ist so ‘weird’, ich will nicht mit ihr reden.» Ich aber will, dass die Menschen aus sich herauskommen und machen, was ihnen gefällt und nicht, wie ich am Anfang, irgendeinen ‘hype’ mitmachen, sondern das, was ihr Herz ihnen sagt. Das finde ich irgendwie wichtig.»

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