Papageien machen Kleider

Autor: Anna Csikos, Evdokia Pushnova                                                                   

Fotos: Saskia Gross

In Menzingen kreiert Sylvia Kempf Kleider für die schönste Feier des Winters. Durch ihre Adern fliesst unerschöpfliche Kreativität.

Rufen die Kunden an und fragen, ob Sylvia Kempf für sie ein Fasnachtskleid nähen kann, antwortet sie sofort «Ja!» und möchte am liebsten grad anfangen. Erste Ideen flitzen ihr durch den Kopf, sie sieht schon fast ihr Endprodukt und ist darauf gespannt.

Sylvia ist eine blonde, sympathische, einfallsreiche, sportliche Dame. In einem schönen Haus in Menzingen lebt sie zusammen mit ihrem Mann und zwei süßen, schüchternen Katzen. Die außergewöhnlichsten Familienmitglieder sind ihre rot-grünen Papageien, die kreischend und singend ihre Arbeitsatmosphäre bereichern.

Ihr Arbeitszimmer ist eindeutig kein gewöhnlicher Arbeitsplatz: Die Farben frohen Papageien leben auf der großen Terrasse, unmittelbar neben dem Atelier, in einer Voliere. Man ahnt sofort ihre außerordentlich große Bedeutung für Sylvia. Aus dem Arbeitszimmer erlaubt eine Fensterfront eine atemberaubende Aussicht auf die benachbarten Hügel. Die Sonne fällt durch diese riesige Glasscheibe auf Berge von chaotisch durcheinander geworfenenen Stoffen. So sieht also der Alltag von Sylvia aus. Doch das Chaos scheint organisiert: Wenn sie während der Arbeit die Stoffe durcheinanderbringt, findet sie, ohne sich verwirren zu lassen, zielsicher in eine neue Ordnung. Die Besucher hingegen beschleicht das Gefühl, nie eine Ordnung im Raum schaffen zu können. «Nun, das ist mein zweites Zuhause», sagt sie stolz. Ohne zu zögern beginnt sie mit der Arbeit: Sie hebt einen Teil der Stoffberge hoch und setzt ihn auf den Tisch.

«Nach meiner Lehre bis 1990 habe ich im Verkauf Nähmaschinen instruiert. Wenn jemand im Laden, in dem ich angestellt war, eine Nähmaschine kaufen wollte», sagt sie, «habe ich dieser Person den Aufbau und die Bedienung erklärt.» Den nächsten Schwung in ihr Näh-Leben gab ihr der zweiwöchige Kurs bei der Firma Pfaff in einem Werksalon in Deutschland. Nach ihrer Heimkehr kam sie auf die Idee, die sie nun schon seit 28 Jahren durchzieht: Ein eigenes Geschäft zu führen und selber zuhause Kleider zu kreieren. «Ich hatte das Verlangen, etwas Greifbares und Eigenes zu machen», erklärt sie. «Am Abend kann ich hier alles stehenlassen, nach oben gehen, und am nächsten Tag sind es nur zehn Treppenstufen, die mich von meinem Lieblingsraum trennen.»

Plötzlich kreischen die Papageien auf. Die Vögel bewegen im Gleichklang ihre Köpfe auf und ab und zeigen damit anscheinend ihr totales Einverständnis mit Sylvias Einfall. Darauf fängt sie an, mit Hilfe von dreieckigen Schablonen die Form für die Taschen eines entstehenden Fasnachtskleides aufzuzeichnen.


Auf die Frage nach den heutigen Trends weist sie auf ein an einem Mannequin aufgehängtes Fasnachtsgewand: Es ist eher schlicht, was nicht den gängigen Vorstellungen von einem Fasnachtskleid entspricht. «Früher hat man mit mehr unterschiedlichen Stoffstrukturen und Verzierungen gearbeitet, wonach heute nicht mehr wirklich gefragt wird», meint sie bedauernd. «Ich war und bin immer noch ein großer Fan von pompösen, voluminösen Gewändern. Sie gleichen ein bisschen meinen Papageien,die meine Inspiration sind. Bei den heutigen Jugendlichen ist das nicht mehr der Fall. Meine Kunden, die hauptsächlich aus einzelnen Privatpersonen bestehen,verschmähen die ehemaligen Trends.»

Während einiger Minuten ist Sylvia still in ihre Arbeit versunken und fokussiert sich ganz auf das Aufzeichnen der Formen. Danach entspannt sie sich und ist zufrieden. Jeder kleine Arbeitsschritt ist ein Erfolg.

«Anfangs waren die Ansprüche für diese Kostüme nicht so hoch, wie heute. Man benutzte ein Gewand über mehrere Jahre, und ließ aus alten Kleidern neue Anzüge machen. Naja, die Zeiten ändern sich.» Ihrer Meinung nach kann man die Trends in zwei Zeitetappen einteilen. «Leute, die heute zu mir kommen, haben eher individuelle, außerordentliche Wünsche. Auch,wenn die Kleider einfarbiger und schlichter sind, will man immer wieder etwas Besonderes hineinbringen, wie zum Beispiel dreieckige Hosentaschen. Da jedoch früher alle Kostüme etwas Ungewöhnliches an sich hatten, schon wegen der Vielfalt der Stoffe, die „in“ waren, musste man nicht noch etwas Besonderes erfinden – jedes Kleid wurde allein durch die Stoffe zu etwas Einzigartigem.»

Wir werfen wieder einen Blick auf das luxuriöse, moderne Fasnachtskleid auf dem Mannequin. Die Papageien befinden sich direkt dahinter, und da sie sich nun beobachtet fühlen,fliegen sie von den Ästen im Käfig hoch und kreischen erneut auf. Nun wenden wir unseren Blick vom Käfig ab und schauen geradeaus. Plötzlich erblicken wir erstaunt ein Klavier und eine Harfe, welche uns am Anfang wegen all den Stoffbergen nicht einmal aufgefallen sind. Hinter dem Klavier die in die Wand eingebaute Reihe von „magischen“ Schränken, vollgestopft mit unterschiedlichsten Fasnachtsgewändern.

Glimmerstoffe, Tüll und Pailletten waren zu Beginn ihrer Karriere die meistgefragten Stoffe und Verzierungen. Heute arbeitet sie nur noch mit natürlichen Fasern. «Man schwitzt weniger», meint sie. Dies ist ausschlaggebend, weil die Fasnächtler an Festen ständig in Häuser und wieder auf die Strasse gehen. Synthetische Fasern sind für diese Verwendung nicht geeignet.

«Heute benutze ich viele verschiedene Stoffe, wie Samt und Softshell. Der Stoff, an dem ich gerade arbeite,ist Kunstleder», erklärt sie.

In der Produktion hat sich im Gegensatz zum Stil nur wenig geändert. Aufgrund technologischer Fortschritte erwarten Kunden heutzutage Perfektion, die Kleider müssen wie angegossen sitzen. Sylvias Meinung nach erreicht sie diese Perfektion – sie arbeitet heute mit den gleichen Maschinen, nur ihr Wissen hat sich erweitert. Während sie erzählt, rast die Nähmaschinennadel durch den Rand des Stoffes. Um einen Meter fertigzunähen, braucht sie nur etwa zehn Sekunden. Übung macht tatsächlich die Meisterin.

«Meine Materialien hole ich in einem Stoffgeschäft in Luzern, nachdem ich meinen Prototyp erstellt und den Arbeitsprozess durchgeplant habe. Ich arbeite nur mit teureren, aber dafür hochwertigeren Stoffen.» Aus ihrer Erfahrung weiß sie, dass günstigere Stoffe schneller abgetragen wirken. «Wattierter Stoff ist beliebter, weil er der Kälte besser standhält.»
Die Stoffqualität macht also einen sehr großen Unterschied, wie eigentlich auch bei Alltagskleidung.

Sylvias ist sicher, dass Fasnachtkleidung nie langweilig werden kann. Jedes Jahr wechseln die Mottos, die Themen an der Fasnacht. Deshalb entstehen immer neue Trends, neue Stoffe und neue Ideen.

Zu einzelnen Stoffen gibt sie keine Auskunft – die künftigen Kunden sind streng geheim. Der Punkt ist folgender: Unterschiedliche Zünfte haben Konkurrenz untereinander. Ideen dürfen nicht geklaut werden. Da jede Zunft etwas Besonderes sein und aus den vielen Gruppen rausstechen will, wäre das ein großer Verlust. Außerdem möchte Sylvia ihre Kreativität zeigen, und immer etwas Besonderes kreieren. Wird jedoch ihre Idee vordem Enthüllen gestohlen, könnte man meinen, sie sei diejenige, die andere Künstler nachmacht.

«Es ist für mich ein Horror, wenn ich an ein Fest gehe und jemand das Gleiche trägt, wie ich»

Für Sylvia steht die Einzigartigkeit an erster Stelle. «Es ist für mich ein Horror, wenn ich an ein Fest gehe und jemand das Gleiche trägt, wie ich»Zwar braucht es mehr Zeit, meine Kleider selber zu machen, doch dann weiß ich zumindest, dass ich aus der Menschenmenge heraussteche.»

Sie vergleicht Fasnachtskostüme mit Papageien: Jedes Tier ist ein bisschen anders und hat seine eigenen Besonderheiten in der Farbenvielfalt. Dies ist einer der Gründe, weshalb sie Papageien besitzt, denn jedes Mal, wenn sie von der Arbeit hochblickt, sieht sie diese Tiere, welche sie ständig inspirieren. Sie bringt sie in Verbindung mit der Fasnacht. Zweifellos werden sie Sylvia noch zu vielen neuen Ideen in ihrer Fasnachtskunst verhelfen.

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