Mode ist nichts für Nonnen

Autor: Ilena Zimmer/Ya Kun Peng

Fotos: Felicia Streit

«Mode ist eine tolle Sache, aber sie spricht mich seit 60 Jahren einfach nicht mehr an». Schwester Anna plaudert im Kloster Maria Opferung humorvoll über das Thema Mode und ihr Leben als Ordensfrau.

«Was ich trage, muss praktisch und bequem sein und lange halten. Die Nonnentracht erfüllt diese Anforderungen. Das Aussehen ist dabei zweitrangig. Andere Kleidung trage ich nur, wenn es die Arbeit vorschreibt.» Wenn es die Arbeit vorschreibt? Was versteht Schwester Anna unter Arbeit? Zum Beispiel nahm sie früher öfters als Aufsicht an Skilagern teil und in der typischen Nonnentracht einen Berg hinabzufahren, schien eher umständlich. Ausserdem trägt sie manchmal eine Arbeitsschürze, wenn sie das Gebäude putzt. Dazu hat sie eine Geschichte zu erzählen: Vor einigen Jahren wurde das Kloster renoviert. Dabei ging ein Rohr zu Schaden und die Korridore begannen, sich mit Wasser zu füllen. Also rannte Schwester Anna zum Ort des Geschehens und leitete das Wasser um – das alles, während sie Arbeitsschürze und Gummistiefel trug.

«Was ich trage, muss praktisch und bequem sein und lange halten.»

Wenn sie aber nicht gerade das Kloster vor einer Überschwemmung rettet, trägt sie ein schwarzes, kreuzförmiges Kleid und darüber einen Stoff, ein sogenanntes Skapulier. Gebunden wird die Tracht mit einem Strick, der drei Knoten hat. Jeder von ihnen repräsentiert ein Gelübde: Armut, Gehorsam und Ehrlosigkeit; das Dogma, nach dem die Nonnen leben. Die Erscheinung wird abgerundet durch den Schleier. «Ich habe drei verschiedene Habite und sonst nichts in meinem Kleiderschrank», verrät sie, «und das stört mich überhaupt nicht.»

Überhaupt nicht? Was für eine ungewohnte Ansicht. Viele Menschen nutzen ihre Kleidung als ein Stilmittel, um sich mitzuteilen, um eine bestimmte Botschaft zu vermitteln. Tut sie das denn ebenso, wenn auch auf eine etwas andere Art? Schwester Anna bejaht diese Frage. Sie trage vielleicht keine Pullis mit einem Slogan, aber sie gebe durch die Tracht ihre Beziehung zu Gott und ihrem Orden preis.

Aber wie kam es denn überhaupt dazu, dass sie Nonne wurde? Vor vielen Jahren musste Schwester Anna ihre Heimat in Norddeutschland verlassen, da ihre Familie wegen des Krieges weggewiesen wurde. Ihr Dorf grenzte an Polen, nach dem Ende des Krieges gehörte es sogar zu Polen. Sie arbeitete später als Primarschullehrerin begegnete auch immer wieder hilfsbereiten Schwestern, die sie sehr schätzte.

Selber Nonne zu werden, wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Erst hier in Zug entdeckte sie, dass sie in diese Gemeinschaft gehört. Umso niederschmetternder also war es für Schwester Anna, dass sie zuerst, hier in diesem Raum, von den damaligen Schwestern eine Absage, wenn man das denn so nennen kann, bekam. Wie kann Sie als Nonne vor uns stehen, wenn ihr doch damals gesagt wurde, dass es vielleicht besser wäre, es zuerst in ihrer Heimat zu versuchen? Lächelnd erzählt sie, wie sie stur blieb und erneut im Kloster erschien. Diesmal fiel die Antwort positiver aus. Allerdings wurde sie aufgefordert, vor dem Eintritt ins Kloster ein Wirtschafts- und Rechtsstudium zu absolvieren, wofür sie im Nachhinein sehr dankbar ist, da sie mittlerweile das Kloster führt. Seitdem sei sie nun also eine Nonne.

Negative Erfahrungen aufgrund ihres Aussehens hat sie nie erlebt, eher lustige Momente.

Negative Erfahrungen aufgrund ihres Aussehens hat sie nie erlebt, eher lustige Momente. Zum Beispiel kamen einige junge Herren auf sie zu, als sie mit ihrer Schwester gerade in Deutschland war, und fragten sie, ob sie für ihre Fussballmannschaft St. Pauli beten könne – die Mannschaft habe tatsächlich gewonnen. Ein anderes Mal wurde sie als Stewardess der Vatikan Airlines bezeichnet.

Wenn sie jetzt aber konkret eine Begegnung nennen müsste, dann wäre es die, bei der ihr ein kleiner Junge ihren Schleier vom Kopf reissen wollte und sie fragte, wieso sie so komisch aussehe und was sie für eine komische Frau sei.» Statt böse zu sein, gab Schwester Anna dem kleinen Jungen Recht und versuchte ihm zu erklären, was eine Ordensfrau sei. Schliesslich verabschiedeten sie sich mit Handschlag. Ob er nicht auch ein bisschen Recht habe, fragt sie uns. Viele Nonnen erleben, dass ihre Kleidung kritisch beurteilt wird, wenn sie nach draussen gehen. Schwester Anna ist sehr dankbar, dass sie keine schrägen Blicke abbekommt, denn sie mag ihr Gewand sehr.

Das Beste daran sei, scherzt sie, dass sie nicht mehr stundenlang vor dem Kleiderschrank stehen und sich überlegen müsse, was sie anziehen solle, da sie insgesamt nur drei Trachten besitzt. Zwei für Werktage und ein Sonntagskleid. Zudem halten die Trachten auch ziemlich lange. Viele Leute fragen sie, ob ihr mit der Tracht denn nicht zu heiss sei.

Genau das Gegenteil sei der Fall, entgegnet sie dann immer. Es ist ja nicht so, dass Nonnen beispielsweise im Winter überhaupt gar nichts unter der Tracht tragen. Man sieht es nur nicht und es sollte auch keine Rolle spielen.

Ausserdem vermisst sie es auch nicht, in einen Laden zu gehen und sich Kleider zu kaufen. Wenn sie gefragt wird, ob sie nicht wieder einmal etwas anziehen möchte, was ihr gefällt, antwortet sie: «Aber das tue ich doch bereits».

Diese Haltung scheint fast unmöglich für uns, wenn wir daran denken, wie oft wir shoppen gehen, wie oft sich die Modetrends im Jahr ändern oder auch wie oft unsere Kleider zu klein werden und wir neue Kleider kaufen müssen. Auch unbewusst nehmen wir an der Mode teil, denn eigentlich ist doch alles in einem Laden mehr oder weniger modisch. Also sind wir wirklich beeindruckt, wie zufrieden sie ist mit dem, was sie hat.

Einige Nonnen sehen das aber nicht so, berichtet Schwester Anna. Es gibt auch viele Nonnen, die ihre Ordenskleidung gar nicht mehr tragen und daher auch nicht auffallen. Als Beispiele nennt sie die Klöster in Menzingen und in Cham. Im Kloster in Zug leben mit ihr nur drei Nonnen und alle tragen ein und denselben Habit. Nicht nur variieren in den bereits erwähnten Klöstern die Farben der Habite und Schleier aufgrund der verschiedenen Orden, manchmal wird die Uniform einfach ganz weggelassen.

Apropos Aussehen: Haben Nonnen schon immer so ausgesehen wie heute? Schwester Anna holt ein grosses Buch hervor. Darin sind Nonnen und ihre Trachten aus vergangenen Zeiten zu sehen. Auffallend ist, dass die Kleider bei Sonn- und bei Werktagen noch differenzierter waren. Ins Auge stechen aber vor allem der Schleier und der Kragen. Der Schleier hat heute noch dieselbe Farbe, aber da hören die Gemeinsamkeiten schon auf. Er war früher eine Art Hut, um einen Vergleich zu nennen, und er verlieh den Nonnen ein viel extravaganteres Auftreten. Vervollständigt wurde diese Tracht durch einen Kragen mit ganz vielen Rüschen.

Seltsam, wie schlicht die heutigen Trachten aussehen. Wie kam es zu diesem extremen Wandel? Die Antwort ist ganz leicht. Die alte Ordenstracht war viel zu unpraktisch, nicht nur zum Tragen, sondern auch zum Waschen und Bügeln. Doch die historische Veränderung der Tracht ändert nichts an dem eigentlichen Grund, wieso die Nonnen im Kloster sind: wegen ihrem Glauben.

Beim Verlassen des Klosters «Maria Opferung» sind wir nachdenklich gestimmt. Wir machen uns Gedanken darüber, wie viel Zeit und Geld wir in Mode investieren. Wir überlegen auch, wie viel wir ausgeben für einen Pulli, auf dem ganz klein eine Marke steht. Und wir beschliessen, dass wir mehr darauf achten sollen, Kleider zu kaufen, die lange halten und praktisch sind.

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