Eine Tradition, die verbindet

Autor: Malin Karlsson/ Céline Zürcher                                                                   

Fotos: Jennifer Ho

Alice Häseli ermöglicht einen Einblick in dieTrachtenszene, eine Tradition, die durch Leidenschaft aufrechterhalten wird.

BAAR – Das Zuhause von Alice Häseli steht an einem ländlich geprägten Ort, im beschaulichen Inwil. Das Nachbarshaus ist ein hübsches Bauernhaus. Würde sich der Nebel auflösen, hätte man sogar Aussicht auf den Zugersee.

Eine strahlende, ältere Frau öffnet energisch die Tür und bittet uns in ihre Wohnung. Die Bilder der Zuger Altstadt an der Wand verstärken den Eindruck, dass hier eine waschechte Zugerin wohnt.

Auch im Arbeitszimmer hängen Bilder, auf welchen ganz viele Menschen in Trachten zusehen sind, darunter natürlich auch Alice Häseli selbst. Bänder, Blusen,Schürzen und Material zum Stopfen liegen verstreut im Zimmer. Es ist nicht zu übersehen, dass hier schon unzählige Stunden gearbeitet wurde. Reuevoll entschuldigt sich Alice wegen des Durcheinanders.

Sie ist eine aufgestellte Frau und bescheiden, auch wenn sie im Kanton Zug für einige Personen eine essentielle Rolle innehat. «Ich kenne praktisch alle Leute im Kanton Zug, welche irgendetwas mit Trachten zu tun haben», so Alice Häseli. Vor einigen Jahren gab sie ihre Arbeit an Andrea Balmer weiter, die in Hünenberg ein riesiges Atelier besitzt. Andrea Balmer ist nun die offizielle Trachtenschneiderin im Kanton Zug. Die Übergabe fiel Alice zwar schwer, erleichterte sie aber auch: «So konnten mein Mann und ich in eine kleinere Wohnung ziehen, da ich nicht mehr so viel Platz zum Arbeiten benötigte.» Kleinere Arbeiten erledigt Alice immer noch.

Alice ist unglaublich froh, dass sie immer zu Hause arbeiten konnte, vor allem als ihre drei Kinder noch Kleinwaren. Lächelnd weist sie auf die Bilderkollektion ihrer Familie.

«Ich bin schon ein bisschen stolz, wenn ich Leute in Trachten sehe, welche ich selbst angefertigt habe.» Ein «bisschen stolz» darf sie auch sein. Eine Arbeitstracht, die schlichteste Tracht, braucht ca. 28 bis 30 Stunden, bis sie von Grund auf fertiggestellt ist. Praktisch alles von Hand.

Im Kanton Zug gibt es vier, beziehungsweise fünf verschiedene Trachten: Die Arbeitstracht, die Ausgangstracht, die Sonntagstracht, die Festtagstracht und speziell für die Walchwilerinnen noch die Walchwilertracht. Zu einer Tracht gehören ganz viele Einzelstücke: Zuerst kommt eine Bluse, darüber dann ein Kleid mit breiten Trägern und einem Faltrock. Über diesen kommt eine Schürze. Die Schürze wird um die Taille gebunden. Je nach Tracht bedeckt die Schürze auch die Brust.

Auch die Stickereien und der Schmuck variieren von Tracht zu Tracht. Dazu kommen Strümpfe in einem vorgegebenen Muster, ein Fischu – das ist ein gehäkeltes, schönes Halstuch – Schuhe aus schwarzem Leder mit einer Schnalle, ein Trachtenkreuz um den Hals und ein Strohhut mit künstlichen Kirschen als Schmuck, der auf dem Rücken oder auf dem Kopf getragen wird.

Stickereien und Schmuck machen die Herstellung einer Tracht aufwändiger und dementsprechend auch teurer. Eine neue Festtagstracht kostet um die 10’000 Franken. Weil es billiger ist, eine Occasions-Tracht zu kaufen und anzupassen, werden heute selten Aufträge für Neuanfertigungen aufgegeben. Das sind auch die Hauptaufträge von Alice: Auslassen und Einnehmen.

Obwohl man an einer Tracht ewig arbeiten kann, verdient man als Trachtenschneiderin nicht wirklich viel. «Ich mache es aus Freude, das bisschen Geld, das ich verdiene, ist ein positiver Nebeneffekt.» Die Anfertigung der verschiedenen Trachten ist bei allen ähnlich. Aus diesem Grund bevorzugt sie keine Herstellung einer spezifischen Tracht.

Als Alice in die Trachtenszene einstieg, gab es so etwas wie ein Boom für Trachten. Alice ist ausgebildete Handarbeitslehrerin und war deshalb gerne für filigrane Arbeiten mit Stoff zu haben. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass sie sich, dank ihrer Tante, schnell für Trachten begeistern konnte. Ihre Tante war es auch, die ihr alles, was es über Trachten zu wissen gibt, weitergab und sie so zur Spezialistin in diesem Bereich machte.

Als Alice ihre ersten Trachten fertiggestellt hatte, war sie lustigerweise noch in keinem Trachtenverein. «Sie kamen dann aber ziemlich schnell auf mich zu», meint sie und präsentiert uns ihr Vereinsfoto.

In der Trachtenszene gibt es ganz strikte Regeln: Die Haare dürfen nicht offen getragen werden, je nach Tracht muss die Schürze links, in der Mitte oder rechts gebunden werden, die Schuhe haben eine vorgegebene Form, und so weiter.

Doch allgemein gilt: Tradition ist Tradition.

Doch auch Regeln verändern sich mit der Zeit, oder nicht? Alice jedoch spricht nicht von Regeln, sondern von Traditionen. Diese Traditionen bleiben bestehen, ausser wenn gewisse Materialien nicht mehr erhältlich sind. Dann muss man Kompromisse finden. Doch allgemein gilt: Tradition ist Tradition.

Gemäss Alice ist die Ausgangstracht die schönste im Kanton Zug. Sie steht auf und sucht aus ihrem Kleiderschrank ihre eigene Sonntagstracht heraus. Anziehen will sie sie nicht, dafür zeigt sie ein Foto aus ihren besten Jahren.

Die Zahl der an Trachten Interessierten variiert mit den Jahren stark. Alice vergleicht die Nachfrage mit einer Welle; es sei ein ständiges Auf und Ab. Sie hat das Muster dahinter noch nicht durchschaut.

In einem Trachtenverein findet man ganz verschiedene Gesellschaftsgruppen, von Bauern bis zu Bankern, von Afrikanern bis zu ganz stolzen Eidgenossen.

Die Trachtenszene beschränkt sich nicht auf bestimmte Altersgruppen. Oftmals werden zum Beispiel ganz kleine Kinder von Geschwistern oder Freunden in die Tanz- oder Singstunde eines Trachtenvereins mitgenommen und werden so hineingezogen in die Trachtenszene. Leute können sich auch noch im hohen Alter für Trachten begeistern. In einem Trachtenverein findet man ganz verschiedene Gesellschaftsgruppen, von Bauern bis zu Bankern, von Afrikanern bis zu ganz stolzen Eidgenossen.

Ein Bild im Nähzimmer fasziniert uns. Darauf sind ungefähr 300 Zugerinnen und Zuger am nationalen Trachtentreffen zu sehen. Die Anzahl der abgebildeten Personen ist überraschend gross. In der Schweiz gibt es über 16’000 Mitglieder in 650 Trachtenvereinen.

Die 16’000 Mitglieder werden aber nie in Trachtenkleidung im Alltag auf der Strasse zu sehen sein, denn Trachten werden ausschliesslich zu Festen wie dem Nationalfeiertag, den eidgenössischen Festen, in einigen Regionen zu Fronleichnamsprozessionen, sowie zu kulturellen Veranstaltungen (z.B. Vorführungen von Trachtenvereinen, sogenannten «Chränzli») getragen.

Die Trachtenszene ist ein Teil unserer Schweizer Tradition. Die riesige Bilderwand von Alice zeigt viele glückliche Gesichter, welche diese Tradition mit Leib und Seele aufrechterhalten. Wir sind dankbar für den Einblick in ihre heutzutage unkonventionelle Welt.

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