Ballett besteht nicht nur aus Tutus

Autor: Shelly Lotan/ Lara Bochsler  

Fotos: Leon Zweifel

Als Ballettlehrerin an der Tanzschule Zug erlebt Tuija Steininger jeden Tag das Verschmelzen von Tradition und Moderne. Tanz, klassische Musik und Kleidung erzeugen zusammen eine perfekte Harmonie.

Kaum ist die Eingangstür zur Tanzschule geöffnet, hört man Musik und die aufgeregten Stimmen von plaudernden Mädchen. Als Erstes fallen die vielen alten Fotos an den Wänden auf. Sie zeigen tanzende Gruppen oder einzelne, posierende Männer und Frauen. Auf jedem dieser Bilder tragen die Menschen unterschiedliche Kleider. Einige Kleider wirken altmodisch, andere modern.

Die Anfänge des uns heute bekannten Balletts stammen aus dem Mittelalter. Damals tanzte man an königlichen Anlässen und Geburtstagen. Diese Balltänze hatten noch keine Struktur, Bewegung und Musik passten nicht zusammen.

Die Quelle der Musik ist in einem Saal mit einer Spiegelwand. Dort sitzen Mädchen auf dem Boden und dehnen sich gerade aus. Aus der kleinen Küche kommt Tuija Steininger lächelnd auf uns zu.

Tuija ist eine Ballettlehrerin an der Tanzschule Zug. Sie scheint etwas nervös, wirkt aber sehr offen und freundlich. „Ihr habt Glück, mein Gehirn ist noch aufgefrischt, ich komme gerade von einer Tanzstunde“, meint sie lachend.

An der Ballettschule Zug müssen während der Tanzlektionen Kleiderregeln eingehalten werden. Tuija erklärt die geltende Ordnung: Pflicht sind hautfarbene Strümpfe und, je nach Stufe, ein passender Body. Einsteigerinnen tragen einen weissen, Fortgeschrittene einen hellblauen Body, die zweitbeste Stufe trägt einen dunkelblauen und die oberste Stufe einen schwarzen Body.

Doch nicht nur für die Kleidung gibt es Regeln, sondern auch bezüglich Frisur und Accessoires. „An unserer Schule müssen die Mädchen ihre Haare zu einem strengen Chignon zusammenbinden; ein Chignon ist im Prinzip ein streng gebundener Dutt.“ Schmuck ist beim Tanzen nicht erlaubt.

Unser Interview wird durch einige Mädchen unterbrochen, die lachend und redend aus dem Tanzsaal kommen. Die Mädchen laufen an uns vorbei und verabschieden sich von Tuija Steininger. Sie antwortet mit einem Lächeln.

In der Renaissance begannen Leute, sich passend zu Musik zu bewegen. Die Bewegungen sollten mit der Musik harmonieren. So begannen die Tänzer, einfache Schritte einzubauen, um mehr Einheitlichkeit zu schaffen. Damals half dabei die Kleidung kein bisschen, denn die Bühnenkleidung glich der gesellschaftlich streng geregelten Alltagskleidung.

Nicht an allen Schulen gelten die gleichen Regeln wie an der Ballettschule Zug. Ob eine Schule eine Kleiderordnung betreibt, beziehungsweise wie diese lauten, hängt von vielen Faktoren ab. In Hobbytanzschulen ist die Chance grösser, dass es keine Kleiderordnung gibt. Tanzschulen, welche professionelle Tänzer ausbilden, achten dagegen eher auf Einheitlichkeit, die durch eine Kleiderordnung hergestellt wird wird.Durch die Kleiderordnung entstehen Einheitlichkeit und Chancengleichheit.

Durch die Kleiderordnung entstehen Einheitlichkeit und Chancengleichheit.

„Natürlich wollen wir nicht ohne Grund, dass diese Regeln eingehalten werden, unsere Kleiderordnung hier erfüllt eine sehr wichtige Aufgabe“, meint Tuija. Warum findet sie die Kleiderregeln so wichtig? Niemand soll sich wegen seiner Kleidung diskriminiert oder schlecht fühlen. „Kinder können gemein sein und man hört immer wieder von Mobbingfällen, die kein gutes Ende nahmen. Uns ist es wichtig, genau das zu vermeiden.“ Ein Thema, welches Tuija Steininger sehr am Herzen liegt. Durch die Kleiderordnung entstehen Einheitlichkeit und Chancengleichheit. Viel zu oft komme es vor, dass Tanzlehrer das Talent ihrer Schüler an ihrer Tanzkleidung „ablesen“ würden. 

In der heutigen Zeit wird die Bühnenkleidung nicht mehr an die Alltagskleidung angepasst. Die moderne Gesellschaft ist viel aufgeschlossener und man schämt sich nicht mehr für einen freien Knöchel.

In der heutigen Zeit wird die Bühnenkleidung nicht mehr an die Alltagskleidung angepasst. Die moderne Gesellschaft ist viel aufgeschlossener und man schämt sich nicht mehr für einen freien Knöchel.

Das Zusammenbinden der Haare und das Verbot von Schmuck haben noch eine weitere Bedeutung. „Wenn ich Schülerinnen korrigieren muss, ist die Verletzungsgefahr höher, wenn da irgendein Ohrring ist, welcher herausgerissen werden könnte“, erklärt Tuija. Mit diesen Regeln soll also auch die Verletzungsgefahr vermindert werden.

Nicht immer erfüllen die Tänzerinnen die geforderte Einheitlichkeit. Ein ca. zehnjähriges Mädchen weigerte sich vor der Aufführung, den knallpinken Nagellack abzuwischen und begann zu weinen. Auch Tattoos sollten vermieden werden, denn diese muss man bei Aufführungen mit Schminke abdecken.

„Auch heute befindet sich Ballettkleidung in ständiger Entwicklung. Die Menschheit verändert sich ja auch ständig, wieso sollte sich da die Kleidung nicht mitverändern?“

Tuija schlägt eines ihrer beiden Bücher auf, welche sie speziell für unser Interview mitgenommen hat. Sie zeigt ein Bild, worauf einige tanzende Menschen am königlichen Hof zu sehen zu sehen sind. Das Ballett habe sich zusammen mit der Oper in Italien entwickelt. Die Menschen fanden den alleinigen Gesang mit der Zeit langweilig, also spezialisierten sich immer mehr Leute auf den Tanz. Diese Leute, die man auch damals schon Tänzer nannte, breiteten sich aus, um ihr Wissen an andere weiterzugeben. Im Laufe der Zeit veränderte sich so auch die Kleidung. Durch die Ausbreitung der Tänzer in verschiedene Länder wurden immer mehr Details zur Kleidung hinzugefügt. Die Kleidung wurde so auch von den verschiedenen Ländern geprägt. „Auch heute befindet sich Ballettkleidung in ständiger Entwicklung. Die Menschheit verändert sich ja auch ständig, wieso sollte sich da die Kleidung nicht mitverändern?“

Heutzutage sind Strümpfe eines der Hauptkleidungsstücke im Ballett, egal ob im Studio oder auf der Bühne. Früher gab es Strümpfe noch gar nicht und als Strümpfe erfunden wurden, waren sie zu teuer. Nur wenige konnten sich welche leisten. Die anderen malten sich mit Schminke eine Naht auf die Beine, damit es so aussehen sollte, als ob sie die teuren Strümpfe anhätten.

Ludwig XIV war ein Tanzfan, obwohl selber er nicht tanzen konnte. Alle Tänzer passten sich seinen Tanzschritten an, damit er sich nicht blamierte. Auf keinen Fall aber durfte jemand bessere Tanzkleidung tragen als der Sonnenkönig. Schon damals machten Kleider Leute.

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