Einen Kindheitstraum verwirklicht

Autor: Selina Hubatka, Anna-Victoria Wipfli

Fotos: Lina Sutter

Mirjam Roosdorp hat ihren Traum, den sie von klein auf gehegt hat, in die Tat umgesetzt. Heute lebt sie davon.

Laden° 195 – was ist das denn? Werden da 195 Artikel verkauft? Sind 195 Menschen am Unternehmen beteiligt? Oder ist 195 einfach die Lieblingszahl der Eigentümerin? Nichts von all dem trifft zu. In diesem Geschäft werden Kleider designed, produziert und verkauft. Hinter dem Unternehmen steht die quirlige, umtriebige Mitvierzigerin Mirjam Roosdorp. Früher hat man in diesen Räumlichkeiten Fäden gesponnen, heute Ideen. An diesem kreativen Ort können Kunden verweilen, beäugen, anprobieren, stöbern, spüren und natürlich einkaufen.

Um halb fünf nachmittags öffnet uns eine Frau, gekleidet mit schwarzen Hosen und einem grauen, selbstgenähten Pullover, die Tür und heisst uns herzlich willkommen: spontan, locker, aufgestellt und unkompliziert. Sie führt uns in ihre Werkstatt, in eine Welt der Stoffe, Knöpfe, Fadenspulen, Stecknadeln, Farben, Muster, Skizzen und Büsten. Wir tauchen ein in ihre Modewelt, begleitet vom Rattern der Nähmaschine im Hintergrund.

Mirjam Roosdorp ist eine Modedesignerin, die sich immer schon für das kreative Arbeiten interessiert hat. Seit ihrer Kindheit hatte sie den Wunsch, ein eigenes Label zu gründen und selbständig zu werden. Ihre Vorstellung war, das Produkt vom ersten bis zum letzten Schritt selber zu gestalten und zu produzieren. Es war ihr von Anfang an klar, dass nur ein solide erlerntes Handwerk und eine gute Ausbildung als unabdingbare Grundlagen zur Erfüllung ihres Traumes führen können. Mit der Modeschule in Wien im Schloss Hetzendorf kam sie ihrem Ziel einen guten Schritt näher. «Die fünf Jahre meiner Ausbildung in Wien waren eine strenge, aber sehr schöpferische und lehrreiche Zeit», erzählt uns Mirjam Roosdorp. Sie spezialisierte sich auf die Fachrichtung «Künstlerisch zeichnen und nähen».

Wieder zurück in der Schweiz konnte sie 1996 endlich ihren lang gehegten Traum verwirklichen. Am Zuger Landsgemeindeplatz begann sie in einem 35 m2 grossen Studio. Nach mehreren fruchtbaren und intensiven Arbeitsjahren in der Altstadt wurde ihr das Ganze dann doch ein bisschen zu eng. Sie fand in der Alten Spinnerei in Neuägeri das perfekte Lokal für ihr weiteres Schaffen. Die Räumlichkeiten sind loftartig, grosszügig und hell. Sie verbinden die Werkstatt mit dem Verkaufsladen. Dort arbeitet sie mit ihrer Kollegin Patricia Rogenmoser vom Label Schwanenherz. Mirjam Roosdorp und sie führen seit 2016 gemeinsam ein schönes, geschmackvolles Geschäft an der Zugerstrasse 195 in Neuägeri. Und nun erahnen wir, woher der Name des Ladens° 195 stammt. Dort verkaufen sie nicht nur Kleider, sondern auch Schmuck.

Von Dienstag bis Freitag arbeitet sie von zehn bis sechs Uhr und am Samstag beginnt sie jeweils um zehn Uhr und schliesst das Atelier wieder um vier Uhr. In diesen Stunden wird fleissig mit der Nähmaschine über die Stoffe geflitzt. Jedes ihrer Kleidungsstücke ist mit Liebe gemacht und ist für sie von Wert. «Meine Abschlussjacke behielt ich noch lange». Dies ist auch ihr einziges Kleidungsstück, dass sie niemals verkaufen würde. Denn mit diesem ist die Verwirklichung ihres Traumes ins Rollen gekommen.

«Ideen habe ich Tausende».

Mirjam Roosdorp legt besonderen Wert auf kleine, feine Details, schlichte Schnitte und schönes Material. Davon können wir uns in ihrem Geschäft selbst überzeugen. «Ideen habe ich Tausende». Sie zeigt uns Kleidungsstücke ihrer verschiedenen Kollektionen. Ihre Kleider entwickelt sie selbst. Sie geht dabei systematisch vor. Zuerst skizziert sie ihre Ideen auf, stellt ein Schnittmuster her und drapiert die eingekauften Stoffe an der Büste. Zum Schluss näht sie mit ihrer Nähmaschine, die sie schon seit Jahren besitzt, die Stoffe zusammen. Ihre Nähmaschine hält sie für die beste überhaupt! Sie ist noch nicht elektronisch, sondern mechanisch. Mit dieser Maschine stellt sie einen Pullover in nur anderthalb Stunden her.

«Es kann auch vorkommen, dass plötzlich ein Mann sein ehemaliges Hemd an einer Kollegin als Jupe wiederfindet»

Die Modedesignerin Mirjam Roosdorp ist gut in dem, was sie macht. Ein besonderes Merkmal ihrer Schöpfungen gebe es eigentlich nicht, behauptet sie. Ihre Kleider sind alltagstauglich und werden hauptsächlich von Personen in der Altersgruppe von 40 bis 60 Jahren getragen. Uns fallen im Atelier die Damenjupes auf. Wir fragen sie, wie die entstanden sind. «Ich wandle Herrenhemden zu Damenjupes um», sagt sie. Doch was haben Jupes mit Hemden zu tun? Nicht viel, ausser, wenn sie in ihre kreativen Hände gelangen. Dann werden aus banalen Herrenhemden beschwingte Jupes, die jede Frau gut kleiden. Wir sind begeistert! Auch wenn sie sagt, ihre Kleider seien für eine andere Alterskategorie gedacht, sprechen uns gerade diese Jupes an. «Es kann auch vorkommen, dass plötzlich ein Mann sein ehemaliges Hemd an einer Kollegin als Jupe wiederfindet», erzählt uns Mirjam Roosdorp und lacht dabei.

Kleider machen Leute heisst in ihrem Fall auch Leute machen Kleider. Mit ihrem Feingefühl und ihrem Gespür ist sie darauf bedacht, für ihre Kundschaft dem jeweiligen Trend entsprechend Kleider herzustellen. «Der Trend ändert sich von Zeit zu Zeit. Man muss sich immer anpassen und schauen, was im Moment gerade «in» ist. Man stellt Kleider her und hofft, dass sie gekauft werden». Für Mirjam Roosdorp sagt der Kleidungsstil viel über die Persönlichkeit aus. Mit jedem Outfit vermittelt man eine Botschaft.

Modedesign ist ein Beruf, in dem Durchhaltewillen, Kreativität, ein Gefühl für die Menschen und die Umwelt und viel Passion gefragt ist. Mirjam Roosdorp hat uns beeindruckt. Sie hat von klein auf ihren Traum gehegt und diesen schliesslich verwirklicht. Es ist entscheidend,  den zukünftigen Beruf seinen Begabungen entsprechend auszusuchen. Man spürt die Zufriedenheit und Freude der Modedesignerin an ihrem Tun. Ihr Herz schlägt für ihren Beruf. Sie verfolgt ihr Ziel hartnäckig und kämpft gegen alle Widerstände und Vorbehalte an. Sie meistert ihren Job mit Bravour. Mirjam Roosdorp lebt ihren Traum!

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