Wenn das Hobby zum Beruf wird

Autor: Meo Trinkler/ Alan Kron

Fotos: Ida Nussbaumer

Im Nähatelier anna in Hünenberg kann man von einem echten Profi lernen, wie man Kleider designt und näht. Johanna Bucher erzählt über ihren japanisch-europäischen Style, die Probleme der Kleiderindustrie und das Kreieren von Fasnachtskleidern. Besonderen Wert legt sie auf die Nachhaltigkeit: Unter anderem müssen unbedingt die Qualität und Herkunft der Stoffe beachtet werden.  

«Wir definieren uns über Kleider, ob bewusst oder unbewusst», sagt Johanna Bucher. Und überzeugt fügt sie hinzu: «Kleider sind unsere äussere Hülle, der erste Eindruck, wenn wir jemanden kennenlernen.»

Wir verabredeten uns mit der Designerin und Näherin in ihrem Nähatelier anna in Hünenberg, einem kleinen, hellen Raum mit vielen Fenstern im Erdgeschoss eines Wohnhauses. Die angenehme Atmosphäre lädt zum kreativen Arbeiten ein. Alles ist sehr ordentlich und hat seinen Platz: Nähmaschinen auf den Tischen entlang der Fenster, ein grosser Tisch in der Mitte des Raumes, Schnittmuster an einer Schrankwand, viele Schubladen und zwei Schneiderpuppen. Es gibt sogar eine kleine Bibliothek. In den Büchern werden verschiedene Nähtechniken beschrieben und die verrücktesten Designs aus aller Welt regen zu neuen Ideen an.

Johanna Bucher ist eine bodenständige Frau mittleren Alters und hat offensichtlich ihr Hobby zum Beruf gemacht. Wenn sie über das Entwerfen und Nähen von Kleidern und über verschiedene Designs spricht, spürt man ihre Begeisterung. Sie trägt ein schwarzes, gerade geschnittenes, selbst kreiertes Kleid mit einem roten Schal.  Damit und dank ihrer offenen, unkomplizierten Art wirkt sie souverän und eigenständig. Das Gespräch mit dieser kompetenten Fachfrau ist sehr aufschlussreich und interessant.

Laut Johanna verraten Kleider viel über den Träger. Sieht jemand gepflegt aus, ärmlich oder verwahrlost? Speziell bei einem Bewerbungsgespräch ist die Kleidung entscheidend. Auch in vielen Religionen gelten Kleider als Erkennungs- oder Zugehörigkeitsmerkmal, z.B. bei Juden, Hindus, Moslems. Im Mittelalter wurden Kleider auch verwendet um eine Ständezugehörigkeit auszudrücken: Nur Adelige durften farbige Kleider tragen, Arme mussten in Naturtönen gekleidet sein, Prostituierte mussten gestreifte Kleider anziehen.

Die Atelierbesitzerin übernimmt einige Impulse aus der japanischen Mode und kombiniert diese mit europäischen Ideen zu einem neuen, einzigartigen Style.

Johanna Buchers Lieblingsfarbe ist schwarz. Sie liebt diese Farbe, weil schwarz schlicht und elegant zugleich ist. Immer, wenn man nicht weiss, was man anziehen soll, kann man etwas Schwarzes anziehen, denn es passt zu fast allem und ist neutral. Johanna drückt es so aus: „In Schwarz ist man angezogen.“ Ihr gefällt vor allem geradliniges und japanisches Design, da die Japaner eine ganz andere Perspektive und Herangehensweise haben, was Kleider betrifft. Die Atelierbesitzerin übernimmt einige Impulse aus der japanischen Mode und kombiniert diese mit europäischen Ideen zu einem neuen, einzigartigen Style.

Johanna Bucher informiert sich zwar über Modetrends und lässt sich jeweils von Details (Kragen- oder Ärmelform, Farben usw.) inspirieren. Sie näht aber am liebsten eigenständige, zeitlose Kleider, die auch in fünf Jahren noch tragbar sind. Sehr wichtig findet sie, dass die Kleider zur Person und Figur passen. Die Hünenbergerin flickt viele Kleider – eigene und jene von Kunden. Dies lohnt sich aber nur, wenn die Stoffqualität gut und der Style nicht allzu trendig, sondern eher klassisch ist. Die Nachhaltigkeit aller in ihrem Atelier produzierten Kleider ist Johanna Bucher sehr wichtig. Besondere Beachtung wird der Qualität und Herkunft des Stoffs geschenkt. Faire Produktion ist ein Muss! Mit Pelzen arbeitet die Atelierbesitzerin aus moralischen Gründen nie. Leder ist dann kein Problem, wenn es nicht mit gefährlichen, bleihaltigen Chemikalien gegerbt oder gefärbt wurde.

Schmunzelnd verrät uns die Designerin, dass sie oft eher zu wenig Stoff einkauft als zu viel. Das führt dann dazu, dass jeder noch so kleine Stofffetzen ausgenützt werden muss – was natürlich arbeitsintensiver und zeitaufwändiger wird. Weiter betont sie, dass sie niemals Stoffe aus Bangladesch, Pakistan, Indien oder anderen Billigländern kauft, da sie die Ausbeutung der Menschen und die Gefährdung ihrer Leben durch schädliche Chemikalien nicht unterstützen will. Ein besonderes Anliegen ist also eine faire Behandlung der Arbeiterinnen und Arbeiter in der Kleiderindustrie. Auch betont sie, dass sich der Arbeitsaufwand bei billigen Stoffen gar nicht lohnt. Selber kauft sie ihre Stoffe z.B. im Stoffladen von Weisbrod-Zürrer in Hausen am Albis ein. Leider musste diese Firma ihre Produktion aus finanziellen Gründen einstellen. Johanna Bucher betont, wie schwierig es für die Schweizer Textilindustrie ist auf dem Markt zu bestehen.

Am liebsten verarbeitet Johanna möglichst natürliche Stoffe wie z.B. Baumwolle, Wollstoffe, Seide oder Leinen, auch wenn sie nicht ganz immer um den Gebrauch von synthetischen Stoffen herumkommt. Oft werden Stoffe auch mit synthetischen Fasern verstärkt, um diesen einen besseren Halt zu geben. Vorzugsweise designt und näht Johanna Bucher Jacken und Mäntel oder auch Kostüme für die Guggenmusik. Hier kann sie ihre Kreativität so richtig ausleben. Sie erwähnt, dass eine solche Manteleigenkreation zwischen 2000 und 2500 Franken kostet und sie sich bewusst ist, dass sich das nicht alle Leute leisten können.

Eine besondere Herausforderung ist das Lösen von Problemen, die entstehen, wenn man gezeichnete, zweidimensionale Entwürfe mit Materialien ins Dreidimensionale umsetzt.

Eine besondere Herausforderung ist das Lösen von Problemen, die entstehen, wenn man gezeichnete, zweidimensionale Entwürfe mit Materialien ins Dreidimensionale umsetzt.  Gerne probiert die Atelierbesitzerin auch verschiedene Techniken aus. So erklärt uns Johanna Bucher: «Man kann einen Reissverschluss auf zehn verschiedene Arten einsetzen.» Welche Variante man wählt, hängt einerseits vom Kleidungsstück und andererseits vom Können der Näherin ab.

Johanna Bucher bietet auch Kurse an. Pro Woche kommen fünf Gruppen mit je drei bis vier interessierten Näher*innen nach Hünenberg zu ihr in ihr kleines Atelier. Die Ideen, die Stoffe und das Modell sind meist schon im Gepäck der Kursbesuchenden. Im Kurs wird dann Schritt für Schritt alles erklärt und je nach Können und Voraussetzungen umgesetzt: ausmessen, Schnittmuster anpassen, zuschneiden, bezeichnen, 1. Anprobe, Korrekturen, 2. Anprobe, fertig nähen.

Auch blutige Anfänger*innen besuchen Johanna Buchers Nähkurse. Zum Starten empfiehlt sie etwas Einfaches wie zum Beispiel ein T-Shirt. Sie zeigt den Neulingen den einfachsten Weg vom Entwurf zum passenden Stoff bis zur Umsetzung der erfolgversprechendsten Technik. Die Kursleiterin erklärt: «Nicht jeder Stoff ist für jede Person geeignet. Man nimmt z.B. einen dehnbaren Stoff anders in die Hände als einen eher harten Leinenstoff.» Leinen- oder Baumwollstoffe eignen sich besser für Anfänger*innen, weil sie besser in der Hand liegen. Die grösste Herausforderung für Kursteilnehmende ist das präzise Arbeiten und das Dranbleiben. Diesen Abschnitt würde ich streichen.

Eines von Johannas Lieblingsprojekten ist das Entwerfen und Nähen von ‘Guggenmusiggwändlis’. In der Fasnachtszeit verkleiden sich viele Menschen. Das ist ein Paradies für kreative Menschen wie Johanna. Zur Fasnacht gehört auch »Guggenmusig», und diese Guggenmusiker brauchen ein Kostüm. Da kommt Johanna ins Spiel. Sie bekommt jedes Jahr von mehreren Fasnächtlern den Stoff und das Thema vorgegeben. Das ist der Startschuss für Johanna und jetzt kann sie sich voll ausleben. Aktuell näht sie an einem Kostüm zum Thema Hip-Hop. Folgende Bedingungen müssen erfüllt werden: Das Kostüm muss dreiteilig sein, jeder Stoff muss bei jedem Teil gebraucht werden, es braucht Ärmelbünde und eine Kapuze. Johanna lässt sich unter anderem von Ideen im Internet inspirieren, zeichnet Entwürfe und bespricht diese mit den Kunden. Es gibt mindestens zwei Anproben mit allfälligen Anpassungen bis das Kostüm dann fertig ist.

In der fünften Jahreszeit, wie die Fasnacht auch genannt wird, gelten andere Regeln: Viele Leute nutzen diese Zeit um anders auszusehen, einen neuen, gewagteren Style auszuprobieren. Johanna Bucher lebt das Motto: Ich lasse mich inspirieren und verzaubern von neuen Farben, Stoffen, Designs und geniesse die Narrenfreiheit in der Fasnachtszeit.

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