Mode mit Vorschriften

Autor: Lukas Gehrig/ Yannik Kreuzer

Fotos: Sebastian Sonderegger

Vier Uhr nachmittags, kurz bevor wir auf den Kiesweg zum Pfarramt St. Michael treten, schlagen die Kirchenglocken zum vierten Mal. Das Glockengeläut einer Kirche in diesem Teil der Zuger Altstadt scheint das Einzige zu sein, was die Ruhe dieses alten Bezirks bricht.

Die Farbe der Kleidung gibt an, zu welchem Kloster und zu welchem Orden eine Nonne gehört.

Eine freundliche Frau im Ordensgewand öffnet die Tür. Sie wird später noch allerlei über ihr Verhältnis zu Mode und Kleidung erzählen, sogar über ihre Zeit bei der Entwicklungshilfe in Tansania, wo sie lernte, wie die Frauen auf traditionelle Art und Weise Kleidung herstellen. Als Zeichen der Zugehörigkeit hat sie damals in Tansania spezielle Kleidung erhalten, wie im Kloster die traditionelle Ordenskleidung.

Das sei für sie eine schöne Zeit gewesen. Allerdings sei ihre Lebensaufgabe eine andere, so erzählt sie im Arbeitszimmer des Pfarramtes.

Über die Ordenskleidung weiss sie viel zu erzählen. Diese unterscheidet sich von Kloster zu Kloster. Die Farbe der Kleidung gibt an, zu welchem Kloster und zu welchem Orden eine Nonne gehört. Die Farbe schwarz zeigt an, dass Schwester Mattia zum Orden der Benediktiner gehört. Aus praktischen Gründen tragen jedoch Schwestern, die in den Bereichen der Küche oder Krankenhilfe arbeiten, weisse Arbeitskleidung. Die schwarze Kleidung wird an Sonn- und Feiertagen getragen.  Doch selbst kleine Details, wie zum Beispiel eine Kreuzkette, zeigen dem wissenden Betrachter, welchem Kloster die Trägerinnen bzw. Träger angehören.

Das Ordensgewand hat sich in der Geschichte des Klosters kaum verändert. Allerdings wurden die Regeln bezüglich des Tragens nach dem zweiten vatikanischen Konzil vor etwa 50 Jahren gelockert. Jedes Kloster hatte danach die Möglichkeit, einzelne Regeln und Vorgaben bezüglich der Strenge der Kleidungspflicht festzusetzen. Schwestern ist es heute zum Beispiel teilweise erlaubt, beim Sport andere Kleidung zu tragen, dazu zählen auch Aktivitäten wie Skifahren und Wandern. Letzteres sei besonders praktisch für ihre Schwestern in Davos, merkt sie an. In anderen Gemeinschaften ging man sogar noch einen Schritt weiter und schaffte die Kleidung komplett ab.

Allerdings bedeutet die Kleidung mehr für sie, als das blosse Zeigen der Klosterangehörigkeit, vielmehr sieht sie die Ordenstracht als Symbol ihres Glaubens und einer bewussten Entscheidung zum bescheidenen Lebensstil einer Nonne.

Doch dieses bescheidene Leben hat keineswegs nur Einschränkungen zur Folge, sondern auch Erleichterungen; sie müsse sich zum Beispiel nicht mehr um Trends oder ihre Frisur kümmern, erklärt sie lachend. Auch verliert Markenkleidung durch diese Kleidungsnorm an Bedeutung.

Die Ordenskleidung bekommt man nicht einfach so, erklärt Schwester Mattia. Während der ersten Kandidatur, die man im Kloster vor dem Eintritt absolviert haben muss, trägt man noch Zivilkleidung. Die Kandidatur ist quasi eine Test-Zeit für potentielle Nonnen. Diese Zeit dient dem gegenseitigen Kennenlernen, das Ganze ist unverbindlich und die Kandidatin kann jeden Tag aufhören, sollten sich Zweifel an diesem Leben melden. Doch schon während dieser Phase wird von den Kandidatinnen erwartet, dass sie sich zurücknehmen, was die Extravaganz ihrer Bekleidung betrifft. Sie solle dezente Kleidung tragen, hiess es bei ihrem Eintritt. Hierzu erzählt Schwester Mattia eine besondere Anekdote. Als sie mit 24 Jahren die erste Kandidatur durchlebte, hatte sie ihren roten Lieblingspullover eingepackt. Dieser hatte für sie eine besondere Bedeutung, sie fand ihn besonders schön. Deswegen trug sie ihn auch zu speziellen Anlässen, so auch jeden Sonntag. Manchmal erntete sie, wohl aufgrund der Farbe des Pullovers, schräge Blicke. Die Sache mit dem Pullover gipfelte darin, dass sie nach gut einem Monat die Noviziats-Leiterin, welche sie ins Klosterleben einführen sollte, auf ironische Art und Weise gefragt wurde, ob sie denn keinen anderen Pullover besässe.

Da wurde ihr bewusst, dass sich die eigene und die fremde Wahrnehmung auch unterscheiden können. Sie fühlte sich sehr wohl in ihren Lieblingskleidern, diese wurden von ihrem Umfeld allerdings ziemlich anders bewertet als von ihr selbst. So trennte sie sich schliesslich auch von ihrem Pullover, nachdem er schlussendlich nur noch an Werktagen Verwendung gefunden hatte.

Die Trennung von ihrem Pullover war für sie ein einschneidendes Erlebnis, da es sinnbildlich für ihren inneren Prozess des Beitritts zum Kloster stand. Wenn sie dazugehören wollte, musste sie scheinbar auch etwas opfern.


Die Trennung von ihrem Pullover war für sie ein einschneidendes Erlebnis, da es sinnbildlich für ihren inneren Prozess des Beitritts zum Kloster stand. Wenn sie dazugehören wollte, musste sie scheinbar auch etwas opfern.  Zu diesem Opfer war sie bereit, da sie das Kloster als ihre Lebensaufgabe sah und immer noch sieht.

Nach Ende der ersten Kandidatur gehört man noch nicht zum Orden, denn danach folgt das Noviziat, die eigentliche Probe- und Ausbildungszeit, welche 1-2 Jahre dauert. Die Novizin erhält ein Kleid mit weissem Schleier, dieser symbolisiert den Status des Neulings in der Gemeinschaft. Danach legt die Novizin das Ordensgelübde ab, die Profess. Nun erhält die Nonne auch den schwarzen Schleier und die Kreuzkette, das Gelübde gilt für zwei Jahre. Sie kann dieses Gelübde um weitere fünf Jahre verlängern, bis sie sich dann endgültig entscheiden muss, ob sie sich lebenslänglich dem Kloster verpflichten möchte. Tut sie dies erhält sie einen Ring. Dieses Ritual vergleicht Schwester Mattia mit einer Hochzeit, bei der sich die Ehepartner auch auf Lebenszeit verpflichten. Auch dieser Ring ist wichtiger Teil der Ordenskleidung, auch wenn man ihn nicht sieht.

Wenn sich eine Nonne für das ganze Leben verpflichtet, muss die Kleidung über kurz oder lang auch ausgewechselt werden, da sie schliesslich täglicher Belastung ausgesetzt ist.

Als Schwester Mattia neu im Kloster war, wurde die Ordenskleidung noch von Nonnen im Kloster genäht. Heutzutage gibt es lediglich eine Schneiderin für kleinere Reparaturen im Kloster. Die Kleidung stammt aus einer Kleiderfabrik in Deutschland, welche sich auf das Herstellen von Ordenskleidung und liturgischen Gewändern spezialisiert hat. Die Kleider werden in Konfektion hergestellt, jede Gemeinde hat die Möglichkeit, das Aussehen der Kleidung zu bestimmen und so die Unterschiede zwischen den verschiedenen Gemeinschaften zu wahren. Kleinere Details wie Kragen oder Schleier werden allerdings immer noch im Kloster von den Schwestern hergestellt. Die Kleidung ist auch auf die Jahreszeiten abgestimmt, so tragen sie im Winter ein wärmeres, wollenes Kleid, im Sommer hingegen ein leichtes, dünneres Kleid. Anfangs bedarf das Tragen der Ordenskleidung eine Eingewöhnungszeit. Schwester Mattia hat mittlerweile ihren Gang so an die Kleidung angepasst, dass es für sie teilweise komisch ist, sich in ziviler Kleidung zu bewegen.

Trotz ihrem Eintritt ins Kloster hat sie sich ihr Interesse für Kleidung und Mode nicht nehmen lassen. Schwester Mattia hat immer noch ein Auge für schöne Kleidung und mag es, Freunde beim Kleiderkauf zu beraten.

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