Business mit Stil

Autor: Lara Geiselbrecht/ Anja Müller/ Alicia Mc. Allister Caffarel

Fotos: Elin Hurschler

Anzugträger trifft man im Geschäftswesen viele an – obwohl es nicht überall einen Dresscode gibt. Wieso trotzdem alles nach Business aussieht, erklärt uns Thomas Geiselbrecht, der seit mehr als 20 Jahren bei der Firma Siemens in Zug arbeitet.

Casual Friday – der Wochentag, an dem alle Mitarbeiter der Siemens den Anzug zu Hause lassen können und stattdessen in Jeans und Sneakers zur Arbeit kommen. Doch uns zuliebe kommt Thomas Geiselbrecht trotzdem im Anzug.

Das erste Stichwort, dass uns in den Sinn kommt, als wir Thomas sehen, ist «Business». Er trägt einen dunkelgrauen Anzug, welcher sehr seriös wirkt. Die petrolfarbene Krawatte und die graue Weste sind farblich abgestimmt. Dazu trägt er schwarze Lederschuhe und einen schwarzen Gürtel. Dieses Outfit hat er extra angezogen, damit wir einen Eindruck seiner alltäglichen Kleidung im Büro bekommen. Es entspricht definitiv unserem Bild eines Geschäftsmannes.

Wir beschliessen, in die Mensa der Siemens zu gehen und unser Interview dort zu führen. Auf dem Weg dorthin sehen wir hauptsächlich eintönig graue Bürogebäude. Die Mensa ist gemütlich eingerichtet und wir setzen uns an einen hohen Tisch. Neben uns sitzen noch andere Mitarbeiter, welche im Gegensatz zu Thomas passend zum Casual Friday gekleidet sind: T-Shirt anstatt Hemd, Jeans anstatt Anzughose, Sneakers anstatt Lederschuhe. Thomas erklärt uns, dass er sich freitags meist auch weniger formell kleidet, aber grundsätzlich so, wie er gerade Lust hat.

Als wir ihn auf den Dresscode oder die Regeln in Bezug auf die Arbeitskleidung ansprechen, meint er, dass es das eigentlich nicht wirklich in dieser Form gebe bei Siemens. Jedenfalls nicht mehr: Früher habe es einen Dresscode für die Büroangestellten gegeben, der sei allerdings aufgehoben worden. Aber gewisse Erwartungen müsse das Outfit trotzdem erfüllen, besonders, dass es grundsätzlich seriös und nach Business aussieht.  Zum Beispiel erklärt er uns, dass man nicht mit kurzen Hosen und offenen Schuhen oder einem Trainingsanzug kommen sollte, da dies unprofessionell wirkt. Schmutzige Kleider seien hierzu ein absolutes No-Go.

Thomas erzählt, dass ein Arbeitskollege im Sommer mehrmals mit kurzen Hosen zur Arbeit kam. Der Chef sprach den Angestellten jedoch nicht direkt darauf an, sondern bat einen Kollegen, den Angestellten darauf hinzuweisen, dass kurze Hosen im Büro unangemessen seien. Es ist folglich nicht schlimm, wenn man die Erwartungen beim Thema Kleidung mal nicht erfüllt. Man muss allerdings mit einer Zurechtweisung rechnen.

Es sollte aber nicht erwartet werden, dass man in allen Teilen der Firma auf Anzüge trifft, denn es kommt natürlich noch darauf an, in welchem Fachbereich die Person arbeitet. In der Fabrik zum Beispiel muss man Sicherheitsvorschriften beachten, welche praktische Arbeitskleidung verlangen. Wenn man aber mehr im kaufmännischen Bereich arbeitet, sei es den Kunden gegenüber höflicher, im Anzug zu kommen, findet Thomas. Auch in Meetings ziehe er lieber Anzüge anstatt Jeans an, da er sich durch diese wohler fühle und den Kunden gegenüber zuverlässiger wirke.

Er vergleicht den nicht wirklich vorhandenen Dresscode der Siemens mit den Regeln der UBS: Die Mitarbeiter der UBS müssen nämlich ein Bild vermitteln, das in jeder Stadt und in jeder Filiale gleich ist. Dazu gehören ein dunkler Anzug, schwarze Schuhe und die rote Krawatte. Das Rot muss ausserdem immer in der gleichen Nuance sein, damit alles einheitlich aussieht. Dass es keine solch strenge Vorschriften gibt in der Siemens, kommt Thomas entgegen. Er mag die Freiheit, die er bezüglich Farbwahl aber auch Kleiderstil im Allgemeinen hat. “Eigentlich ziehe ich immer das an, worauf ich gerade Lust habe.” An diesem Freitag wollte er gerade die Weste anziehen und deshalb machte er das auch. Er hat hingegen kaum je den Drang verspürt, in Trainerhosen und Hoodie zur Arbeit zu erscheinen. Dies aus dem einfachen Grund, weil ihm ein Anzug Sicherheit und Seriosität verleiht.

Wir fragen uns auch, wie der Dresscode bei den Frauen in der Firma Siemens ist und ob dieser ähnlich wie bei den Männern ist. Thomas erklärt uns daraufhin, dass die Vielfalt der Kleidung fürs Büro bei Frauen grösser ist als bei Männern. Während bei Männern der Anzug immer ähnlich wirkt, kann die Kollegin ihre Kleider breiter kombinieren. Dies kann positive Eindrücke vermitteln, welche beim Mann eher monoton sind. Dass Frauen mehr Spielraum und Möglichkeiten beim Aussuchen der Kleider haben, ist also auf eine Art ein Vorteil. Auf der anderen Seite müssen die Frauen sich deshalb auch genauer überlegen, wie sie sich anziehen wollen und welche Wirkung sie damit haben.

Doch auch hier muss man wieder, gleich wie bei den Männern, beachten, welche Aufgabe die Frau in der Firma ausführt. Frauen, welche im Büro arbeiten, tragen meistens einen Hosenanzug. Dieser besteht wie bei den Herren hauptsächlich aus einer Anzugshose und einem Jackett. Anwältinnen tragen eher konservative Businesskostüme, die anstatt einer Anzugshose einen mindestens knielangen Rock enthalten. In manchen Geschäftsabteilungen verbinden sich Eleganz und Professionalität gut, um zusätzlich Aufmerksamkeit zu bekommen.  Letztlich zählt aber natürlich das Fachwissen und die fachliche Kompetenz und nicht der Modestil.

Eine interessante Geschichte, die Thomas uns erzählt und welche uns stark an unser Thema “Kleider machen Leute” erinnert, handelt von einem Videodreh. In der Firma wurde ein offizieller Videoclip gedreht. Die Mitarbeiter konnten sich freiwillig als Statisten melden. So fanden sich verschiedene Kollegen aus allen Abteilungen und der Fabrik zusammen, jeder kam gerade von seinem Arbeitsplatz in seiner Arbeitskleidung. Nun sollte eine Szene mit einem Kontrolleur gedreht werden. Der Regisseur suchte sich aus einer Gruppe von zehn Statisten zwei aus, die er für die Szene als die Richtigen ansah – einen Vorgesetzten und einen Mitarbeiter. Weil Thomas als Einziger ein Sakko trug, wurde er gleich in die Rolle des Chefs eingeteilt.  Daran ist abzulesen, dass die Kleidung die Wahrnehmung der Funktion einer Person sehr stark prägt. Eigentlich kannte der Regisseur Thomas gar nicht, hat aber sofort den Stereotyp des Mannes im Anzug als ‘Chef’ angewendet.

Es nimmt uns natürlich auch wunder, wie für Thomas das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit in Bezug auf formelle Kleidung ist. Thomas mag seine Arbeitskleidung nämlich sehr gerne, würde sie aber nicht in der Freizeit anziehen. Obwohl er sich im Anzug wohl fühlt, zieht er sich, sobald er nach Hause kommt, als allererstes um. Arbeitskleidung symbolisiert für ihn Professionalität. Mit dem Wechseln der Kleidung kann er eine klare Grenze zwischen Arbeit und Freizeit ziehen.

Ab und zu arbeitet Thomas auch von zuhause aus. An diesen Tagen trägt er keinen Anzug, sondern etwas Bequemeres wie ein Hemd und dunkle Jeans. Für ihn ist es dennoch wichtig, etwas offizieller gekleidet zu sein, also nicht in Jogginghose und T-Shirt. Persönlich sei das eine gute Motivation und Möglichkeit sich vom heimischen Umfeld abzugrenzen. Zu lockere Kleidung wäre zu nahe an der Freizeit oder an Arbeiten, die nichts mit dem Büro zu tun haben. Im Grunde dient die gewählte Kleidung dann als Hilfe zur Konzentration auf die berufliche Aufgabe. “Nicht alle Leute schaffen es überhaupt aus dem Pyjama heraus“, lacht Thomas, „wenn sie zum Arbeiten zu Hause bleiben können.”

Businesskleidung unterscheidet sich von Firma zu Firma. Wenn sie getragen wird, hat sie immer das Ziel, Professionalität und Seriosität zu vermitteln. Einen Dresscode gibt es nicht in allen Firmen. Am Beispiel von Thomas Geiselbrecht sieht man, dass viele Leute eigentlich recht frei sind in ihrer Kleiderwahl. Dennoch wählen die meisten einen anständigen Anzug, denn bekanntlich machen Kleider ja Leute.

Leave a Reply

Powered by WordPress.com.

Up ↑

%d bloggers like this: