Alles aus Seide

Autor: Stephanie Hostettler/ Nina Signer

Fotos: Linda Kenel

Deep Sea, Magic Forest, Crystals oder Illusion – diese Namen würden wir einem ausgefallenen Starbucks-Kaffee zutrauen. Weit gefehlt: Sie stehen für die Kollektionsnamen des Modelabels Mourjjan.

Michael Muntinga und Roland Rahal sind das Schweizer Designerduo, das hinter dem Label Mourjjan steht. Als wir die beiden in ihrem Atelier im alten Dolderhotel in Zürich besuchen, werden wir von Michael abgeholt. Er ist ein aufgestellter, lässiger Typ mit strahlend blauen Augen und führt uns gleich in den Showraum. Sofort fallen uns die knallbunten, edlen und ausgefallenen Muster ihrer Modelle auf. Alles ist strahlend und ziemlich magisch.

Dann stösst auch Roland zu uns, schüttelt uns lächelnd die Hand und bedankt sich überschwenglich für die mitgebrachten Zuger Kirschstängeli. Im Gegensatz zu seinem Partner ist er eher zurückhaltend, aber auch er freut sich über unser Kommen.

Michael und Roland haben mit Mourjjan bereits viel erreicht. Sie haben zwei Boutiquen auf Mykonos und je eine in Zürich und Küssnacht. Zudem sind sie im Globus und anderen Geschäften präsent. Trotz ihrer Erfolge haben wir den Eindruck, dass sie offene und vor allem auf dem Boden gebliebene Persönlichkeiten sind. Von Überheblichkeit oder Arroganz keine Spur. Vielleicht hat das mit ihrer Herkunft zu tun. Beide sind sehr international. Michael hat niederländische Wurzeln, Roland britische, kommt aber ursprünglich aus dem Libanon. So ist es nicht verwunderlich, dass ihr Labelname ‚Mourjjan’ arabisch ist und übersetzt Koralle bedeutet.

Während Michael für das Design der Stoffe sowie administrative Aufgaben zuständig ist, verantwortet Roland die Schnitte. Ausserdem ist erfür die Presse zuständig. «Zum Schluss werden die Stoffe und Schnitte zusammengefügt, das bezeichnen wir als Hochzeit», meint Michael lachend. «Diese Zusammenarbeit funktioniert nicht ohne gelegentliche Meinungsverschiedenheiten», fügt er an. «Dadurch entstehen unsere besten Werke!», merkt Roland verschmitzt an.

Ein Tag im Leben eines Designers ist bestimmt hektisch und durchorganisiert, und alles verläuft nach Plan, vermuten wir. Aber Michael bestätigt eher das Gegenteil: „Unser Arbeitstag hat keinen strikten Plan, sondern ist immer ziemlich hektisch.“

Dazu gehört auch das Reisen. Zweimal im Jahr reisen beide nach Slowenien, um vor Ort die Produktion der Kollektionen zu überprüfen. Genäht werden die Kleider in Slowenien. In Como werden die Seidenstoffe, aus denen ihre Kleider hergestellt sind, digital bedruckt.  Aus der Schweiz werden die Baumwollstoffe zugekauft. Es ist ihnen sehr wichtig, dass sie die Produktionsstätten persönlich kennen und mit diesen regelmässig in Kontakt stehen. Die Produktion soll in Europa angesiedelt bleiben, um bei dringend erforderlichen Entscheiden schnell mit dem Auto vor Ort sein zu können. Abgesehen davon, sind die produzierten Stückzahlen für eine mögliche Fertigung in Asien noch zu klein. Ohnehin liegt ihnen am Herzen, dass sie die Personen, die ihre Kollektionen fertigen, persönlich kennen und auch wissen, wieviel die Näherinnen verdienen und wie die Arbeitsbedingungen aussehen.  

Bevor es aber zur Produktion ihrer Modelle kommt, müssen Ideen und Ansätze gefunden werden. Oft entstehen ihre Ideen aus ganz alltäglichen Dingen. Die Kollektion «Illusion» ist aus den ‚Fake News’ in den Medien entstanden. Alle ihre Kollektionen haben einen tieferen Hintergrund, so auch ihre Winterkollektion 2018 «Magic Forest»: Roland hat sich durch das Märchen vom Rotkäppchen inspirieren lassen und wollte damit ein Gefühl für die jeweilige Jahreszeit vermitteln. Die Winterkollektion hat denn auch ruhigere Muster und dunklere Farben, was den Winter darstellen soll, wo die Tage dunkel erscheinen und alles im Winterschlaf zu sein scheint. Während sie uns die Stoffe zeigen und dazu lebhaft erklären, was sie bedeuten, merken wir, dass in diesen Kleidern viel mehr steckt als nur das Ziel, Erfolg zu haben und Gewinne zu machen. Ihre Kollektionen sollen vielmehr etwas vermitteln.

«Clothes don’t make people, people make them when they wear it»

So viel Überlegung steckt auch in ihrer Meinung zu ‚Kleider machen Leute’. «Clothes don’t make people, people make them when they wear it», sagt Roland. Wenn jemand etwas mit Leidenschaft und Selbstbewusstsein trägt, dann sieht man das. Es ist die Art und Weise, wie jemand etwas trägt, die dazu führt, dass man sagen kann „Kleider machen Leute“. Genau so ist es auch bei ihren Kleidern. Sie können einer Frau kein Kleid anziehen, die nicht daran interessiert ist oder sich dabei nicht wohl fühlt. Es geht auch nicht darum, was gerade ‚in’ ist. Dazu kommt, dass die Kollektionen und Muster von Mourjjan nicht jeden Geschmack treffen. Ihr Stil ist eher etwas für spezielle Anlässe. Trotzdem lassen sie sich gut kombinieren. Ein Kleidungstück bekommt durch die Art, wie es getragen wird und wie sich jemand damit verhält, seinen ganz eigenen Charakter. So erklären uns Michael und Roland, dass für sie als Designer die Leute die Kleider machen und nicht umgekehrt.

Es ist die Art und Weise, wie jemand etwas trägt, die dazu führt, dass man sagen kann „Kleider machen Leute“

Deshalb ist es von grosser Bedeutung, wenn es um die Wahl der Models geht, die Michael und Roland für ihre Shootings aussuchen. Die Kollektionen müssen zu den ausgesuchten Frauen passen, damit das Thema der Kollektion jene Frau, die das Kleid trägt, auch vermitteln kann.

«A woman with no charme, can’t wear a dress that is full of charme», meint Roland treffend dazu.

Es wird deutlich, wie wichtig das Auswahlverfahren der Models ist. Es braucht eine gute menschliche Basis zwischen allen Beteiligten, wenn alle zusammen für ein Shooting arbeiten, das erfolgreich sein soll. Deshalb ist das Aussehen des Models genauso wichtig wie ihre Persönlichkeit, wenn man ein bis zwei Tage intensiv zusammenarbeitet. Schliesslich soll man auch, ohne das Label zu kennen, wissen, was die Designer mit ihren Kollektionen vermitteln wollen, wenn sie das Model darin sehen.

Nach diesem viel zu kurzen Besuch im Atelier von Mourjjan müssen wir uns von Michael und Roland verabschieden. Auf der Heimfahrt sprechen wir über die vielen Eindrücke, die wir gesammelt haben. Es war eine Erfahrung, die wir so nicht erwartet hatten. Wir waren total erstaunt, wie viel doch hinter einem Kleid steckt. Die Sicht von Michael und Roland hat uns nun eine ganz neue Perspektive vermittelt. Ihre Sommerkollektion 2019 «Deep Sea», ist das beste Beispiel dafür. Die Muster sollen eine Unterwasserwelt darstellen. Die Seide drückt die Bewegung des Wassers aus und symbolisiert den Fluss des Lebens. Unser Leben, unsere Geschichte soll im Einklang sein, einen gewissen Fluss und Rhythmus haben – und diese Kleider vermitteln das.

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