Rar wie ein Edelstein

Yanik Langenegger (16) ist der einzige Edelsteinfasser-Lehrling in der Deutschschweiz. Ist diese Lehre wirklich so edel wie das Arbeitsmaterial?

Eine Reportage von Livio Steiner und Lorenzo Sivillica, Fotos Timon Bieler   

Es ist Montagmorgen im Atelier von Bucherer in Luzern. Im Raum sitzen sechs Edelsteinfasser an ihren Arbeitsplätzen und arbeiten an den verschiedensten Ringen. Im Hintergrund hört man das Summen des Radios. Ansonsten ist es still. Yanik ist der einzige Lehrling der Edelsteinfasser. Alle um ihn herum sind erwachsen. Die Fasser arbeiten auf engem Raum zusammen und sind hoch konzentriert. Im Atelier nebenan befinden sich 15 Goldschmiede und drei Polymechaniker, die die rohen Ringe fertigen. Bei ihnen ist es deutlich lauter. Yanik meint, es liege daran, dass sich die Goldschmiede weniger konzentrieren      müssten als er und seine Arbeitskollegen.

Sein Tag beginnt um 6:20 Uhr. Sein Zug fährt um 7:00 und um 7:45 beginnt die Arbeit im Geschäft. Er arbeitet vier Tage pro Woche im Atelier. Am Dienstag besucht er die Schule. Zu Hause ist er jeweils erst zwischen fünf und sechs Uhr. Sein Beruf besteht im Allgemeinen aus dem Fassen von Edelsteinen in Ringe, Ohrringe oder Ketten. Sein Atelier stellt sowohl Lageraufträge (fünf bis zehn Mal dasselbe Modell) als auch Kundenaufträge (Spezialwünsche von Kunden) her. Es gibt diverse Fasstechniken und er braucht ein großes Wissen über Edelsteine. Für einen Ring braucht der 16-Jährige zwischen 30 Minuten und einigen Stunden. Ab und zu kann es vorkommen, dass er über zwei oder drei Tage an einem Ring arbeitet. Yanik verbringt in seiner Lehre viel Zeit mit Erwachsenen und arbeitet oft unbegleitet. Trotzdem ist Teamfähigkeit wichtig bei seinem Beruf: «Arbeiten tut man alleine. Aber man muss auch gut im Kollektiv sein, denn man sitzt lange auf engem Raum zusammen und wenn man nicht miteinander auskommt, dann wird’s mühsam. »

Die wichtigsten Fakten zum Beruf

Der Beruf Edelsteinfasser hat sich als Folge der Arbeitsteilung aus dem Beruf des Goldschmieds entwickelt. Seine Aufgabe ist es, die vom Steinschleifer geschliffenen Edelsteine in eine Metallkonstruktion einzusetzen. Eine Lehre als Edelsteinfasser dauert in der Regel zwischen drei und vier Jahren. Die Edelsteine haben unterschiedliche Eigenschaften und es gibt diverse Techniken, die Steine in den vom Goldschmied hergestellten Schmuck zu fassen. Da kommen die Edelsteinfasser ins Spiel. Es liegt an ihrem Können, die Edelsteine so zu setzen, dass sie keinen Schaden abkriegen und für immer im Edelmetall festsitzen. Die Schmuckindustrie ist in der Schweiz stark ausgeprägt, besonders in der Romandie. (Quelle Wikipedia, Edelsteinfasser)

 

Alles beginnt mit einer Idee

Die Reise vom Kundenwunsch zum fertigen Ring ist sehr lang, beinhaltet viele verschiedene Schritte und es braucht ein gutes Zusammenspiel zwischen diversen Fachschaften: Wenn man einen speziellen Ring haben will, geht man zum Schmuckladen und bespricht mit dem Verkäufer, was man denn gerne hätte. Danach wird eine Offerte geschrieben und der Wunsch kommt zu einer Designabteilung, wo Zeichnungen auf den Kundenwunsch hin angefertigt werden. Der Kunde wählt nun den Ring aus, der ihm am besten gefällt. Jetzt liegt es am Atelier Bucherer, diese Idee in die Wirklichkeit umzusetzen: Die Goldschmiede vom Raum nebenan fertigen den rohen Ring an. Die Fasser sind dann zuständig, die Edelsteine in den Ring zu fassen. Die Edelsteine werden oft geschliffen und gefräst eingekauft, aber es kann durchaus sein, dass ein Kunde bereits mit einem Stein kommt, den er dann in seinem Traumring haben will. Die Edelsteinfasser bilden also nur einen kleinen Teil des ganzen Kollektivs.

Gegenwert eines Luxusautos

Yanik arbeitet oft mit sehr teurem Material und hat somit eine grosse Verantwortung zu tragen. Wenn ein Fasser nämlich einen Stein beschädigt, muss er selbst für den Schaden aufkommen. «Der teuerste Stein, den ich bis anhin gefasst habe, besass einen Wert von 80’000 Franken», erzählt uns der 16-Jährige im Interview. Natürlich musste auch er von ganz unten anfangen und arbeitet sich nun stets hoch, um noch teureres Material fassen zu können. Er hat schon hunderte Stunden mit den verschiedenen Fasstechniken verbracht und ist überzeugt von seinen Fähigkeiten: «Ich hatte dasselbe also schon x-Male gemacht und wusste, dass ich das konnte, auch wenn ein so teurer Stein kam. Meistens vergesse ich sogar, wie teuer das Material ist, das ich gerade fasse». Trotz des teuren Materials darf sich Yanik ab und zu Fehler erlauben: Wenn er zum Beispiel aus Versehen einen Ring zerkratzt oder etwas zu viel wegschleift, bringt er den Ring zum Goldschmieden im Atelier nebenan. Mithilfe eines Lasers und eines feinen Golddrahtes können die Fehler dann wieder ausgemerzt werden. «Man darf sich Fehler erlauben, jedoch ist es auch doof, wenn man an einem Tag drei Mal zum Goldschmied gehen muss, damit er einem den Fehler wieder ausmerzt. Ab und zu folgt dann auch ein blöder Spruch».

Grosser Kontrast

In der Primarschule war man jung, hatte alle möglichen Fächer; von Sprachen über Naturwissenschaften bis zu handwerklichen Sachen. Yanik hat sehr froh gewirkt, als er erwähnt hat, er habe all diese Fächer nicht mehr. Einmal in der Woche Schule, die anderen vier Tage im Geschäft. In der Schule hat er hauptsächlich an die Lehre gebundene Fächer plus jeweils eine Lektion Allgemeinbildung. Der grösste Unterschied für ihn ist der Lohn. Er bekommt Geld für das Fassen von Edelsteinen und kann mit diesem Geld (ziemlich) alles kaufen, was er will, Ferien inklusive. Was er aber gewöhnungsbedürftig fand, ist genau dieser Faktor: Er hat nur fünf Wochen, im Vergleich zu der Primarschule, als er noch 13 Wochen hatte.

Zukunft noch offen

Der Beruf Edelsteinfasser ist ein Spezialisten-Job. Für einen Lehrling ist es deswegen nicht sehr praktisch für seine Zukunft, weil er nur das ausüben kann, was er in der Lehre gelernt hat. Deswegen hat Yanik für sich zwei Wege geplant: Entweder er absolviert eine zweite Lehre als Goldschmied, damit er ein breiteres Spektrum hat, was die Berufe angehen, die mit Schmuckherstellen und -bearbeiten zu tun haben. Oder er schlägt einen ganz neuen Pfad ein, und zwar eine KV-Lehre. Yanik’s Vorliebe liegt bei der  zweiten Option, weil er nach der KV-Lehre gerne in Bucherers Büro arbeiten würde. Das höchste der Gefühle ist, laut Yanik, selber ein Atelier zu führen. Dies wäre nur mit der Goldschmied-Lehre möglich. Aber Yanik ist noch jung und es kann noch vieles in den nächsten 20 Jahren geschehen.

Trotz der langen Arbeitszeit bleibt Platz für den Fussball

Yanik ist Fussballer beim FC Baar. Er trainiert drei Mal wöchentlich und hat in der Saisonzeit jeweils ein Spiel am Wochenende. Der Unterschied zwischen seinem Job und der Position, die er im Fussball besetzt, könnte nicht grösser sein: Während Yanik beim Fassen stets eine ruhige Hand zu behalten hat und mit sehr filigranem Material umgehen muss, spielt er im Fussball als Innenverteidiger, ist beim Sport also fürs Brachiale zuständig: Zum Beispiel dafür, die gegnerischen Stürmer mit allen Mitteln von seinem Tor fernzuhalten, oder jeden weiten Ball mit dem Kopf abzufangen. Nach der Schule bzw. der Arbeit bleibt ihm genug Zeit für den Fussball, Freunde zu treffen und andere Hobbies. Hat er denn keine Hausaufgaben, oder Prüfungen, für die er sich vorbereiten muss? Doch. Aber Yanik ist ein effizienter Bursche und erledigt seine Schulsachen im Zug am Morgen, wenn er zum Geschäft fährt. Dort hat er genug Zeit, weil Bucherer in Luzern liegt, die Leute am Morgen noch müde sind und er somit seine Ruhe hat, alles zu erledigen.

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